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Abo plus – musica viva

Chor-Abonnementkonzert plus
Freitag
28.
Oktober 2022
20.00 Uhr
München, Herkulessaal der Residenz

Konzerteinführung: 18.45 Uhr

Chor-Abonnement

Programm

Iannis Xenakis
Jalons
für 15 Instrumentalisten
Milica Djordjević
Mit o ptici
für Chor und Orchester

Kompositionsauftrag der musica viva

Uraufführung
Pause
Nicolaus Richter de Vroe
Konzert
für Violine und Orchester

Kompositionsauftrag der musica viva

Uraufführung

Mitwirkende

Ilya Gringolts Violine
Chor des Bayerischen Rundfunks
Krista Audere Einstudierung
Christof Hartkopf Bariton solo
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Johannes Kalitzke Leitung

Milica Djordjević taucht in ihrem Auftragswerk tief in die literarische Welt des jugoslawischen Schriftstellers Mika Antić. »Mein ganzes Leben war besessen vom Verlangen, einen Vogel zu haben, der sich von jedem anderen unterscheidet«, schreibt der Autor. Die in Berlin lebende, serbische Komponistin arbeitet mit Motiven aus dem Vogelmythos des früh verstorbenen Autors, Seemanns und Puppenspielers – auf der Suche nach »Höhen und Tiefen, Hellem und Dunklem, großen Fragen, kleinen Wundern und allem, was dazwischen liegt«.

Interpreten

Die Wiederkehr des Vogels

Anselm Cybinski im Gespräch mit Milica Djordjević

CYBINSKI   Du vertonst Ausschnitte aus einem Versepos des jugoslawischen Dichters Miroslav Antić. Der Mythos des Vogels ist eine Parabel auf den schaffenden Künstler und das unkontrollierbare Eigenleben, das dessen Geschöpfe annehmen können. Wie kamst Du auf Mit o ptici?

DJORDJEVIĆ   Dieser wunderbare Text fasziniert und verfolgt mich seit zwanzig Jahren. Er erzählt eine sehr vielschichtige, aufrichtige und wirklich mutige Geschichte, die starke Resonanz in mir auslöst. Vor rund vier Jahren habe beschlossen, sie musikalisch zu bearbeiten. Dabei dachte ich zuerst an einen reinen Männerchor. Das Buch ist 1979 in Novi Sad herausgekommen und im Ausland so gut wie gar nicht rezipiert worden. Es existiert lediglich eine englische, leider arg mangelhafte Übersetzung von vielleicht einem Zehntel des gesamten Texts. Ein ganzes Jahr lang habe ich gebraucht, um Antićs Original überhaupt erst mal einschneidend zu kürzen. Mitunter war das recht schmerzhaft, da ich viele sehr schöne Passagen streichen musste, um eine konsequente Dramaturgie heraus zu destillieren und einen praktikablen Umfang zu erhalten. Auch die Klärung der Rechte am Text entpuppte sich als Herausforderung: Ich wusste, dass die Nachkommen des Autors zuständig sind. Allerdings hatte Antić sechs Kinder, und die waren nicht leicht ausfindig zu machen – später dann aber sehr zugänglich und hilfsbereit.

CYBINSKI   Schon Firefly in a Jar, Dein erstes Orchesterstück von 2007, das Du kurz vor dem Weggang aus Serbien geschrieben hast, basierte auf Texten von Miroslav Antić. Im Internet ist über ihn kaum etwas auf Englisch zu finden. Wer war dieser dieser Autor?

DJORDJEVIĆ   Antić wurde 1932 in der Vojvodina geboren, dem serbischen Landesteil nördlich von Donau und Save. Er starb 1986 in Novi Sad. »Mika«, wie man ihn nannte, war bei uns ein beinahe legendärer Schriftsteller, Journalist und Maler. Als Drehbuchschreiber gilt er überdies als wichtiger Vertreter der jugoslawischen »Schwarzen Welle«, jener Bewegung von dokumentarisch orientierten Filmemachern, die sich, angeregt vom italienischen Neorealismus und der Nouvelle Vague, seit den sechziger Jahren vom staatlich verordneten sozialistischen Realismus abwandten. Die »Schwarze Welle« warf einen sehr speziellen, oft ironischen Blick auf die Alltagswirklichkeit und übte damit mehr oder minder offene Kritik am System – weswegen Tito in den siebziger Jahren die meisten Arbeiten verbieten ließ. Viele Filme sind erst kurz vor der Jahrtausendwende wieder ans Tageslicht gekommen. Antić ist auch zur See gefahren, er arbeitete in einem Puppentheater – ein Tausendsassa und trinkfester Bohémien, ein Freund aller Außenseiter, der sich stark mit den Roma identifizierte und immer wieder die Nähe zu ihnen suchte. Mika hat ein leider allzu kurzes, aber unvergleichlich reiches, volles und vor allem freies Leben geführt.

CYBINSKI   Was macht seine literarische Handschrift aus?

DJORDJEVIĆ   Diese Sprache und Fantasie sind für mich ganz einzigartig. Die Vieldeutigkeit und Ausdrucksfülle seiner Poetik haben ihn zu einem der populärsten jugoslawischen Autoren des 20. Jahrhunderts gemacht. Seine Kinderbücher sind bis heute wahre Hits, sie haben meine Kindheit verzaubert. Die Werke für Erwachsene hingegen haben auch in Serbien weniger Verbreitung gefunden. Dabei öffnen sie eine ganz eigene, fantastische Welt – voller Lebenslust, Selbstvertrauen und Zweifeln, erfüllt vom Sinn für die Schönheiten der Welt und des Lebens. Meine Beziehung zu dieser Literatur ist wie eine lebenslange, sehr intime Freundschaft, ein ständiger Dialog mit einer Fantasie, in der man verschwinden, mit der man sich aber auch in Lüfte erheben kann. Antić Texte haben Kraft und Klarheit, sie sind extrem präzise ohne je pedantisch zu werden, sie klingen verletzlich und haben doch so viel Feuer!

CYBINSKI   Worum geht es in Mit o ptici?

DJORDJEVIĆ   Am Fluss erschafft ein Mann, offenbar ein Künstler, einen Vogel aus Sand und Wasser. Damit beginnt das Leben dieses Geschöpfs, und der Dialog zwischen den beiden setzt ein. Der Künstler entlässt den Vogel in die Freiheit, er lässt ihn fliegen – weil er ihn liebt und an die Reinheit und Ehrlichkeit jenes Wesens glaubt, dem er so viel von seinen eigenen Unsicherheiten, Sehnsüchten und Leidenschaften mitgegeben hat. Doch nach einem Jahr der Abwesenheit wartet da in der Luft plötzlich ein Monster. Ein hässliches Wesen, überströmt von Blut, das offenbar gar nicht bereit ist für die Welt. Der Schöpfer will sein Scheitern jedoch nicht eingestehen, er tötet den Vogel mit einem Stein. Aber das Tier ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen, es gebiert sich von Neuem und zwingt den Künstler schließlich dazu, es zu akzeptieren, so wie es ist. »Ich bin nicht Ihr Vogel, Sie haben mich aus Ihren ganzen Komplexen zusammengefügt«, heißt es einmal sinngemäß.

CYBINSKI   Was der Mensch einmal geschaffen hat, das wird er nicht mehr los. Bestehen Parallelen zu Pygmalion, zu Goethes Zauberlehrling oder Oscar Wildes Dorian Gray?

DJORDJEVIĆ   Vielleicht – aber es geht nicht allein um den Bildhauer und seine Skulptur, nicht nur um den Künstler und sein Werk. Der Text ist in sich so vielschichtig, dass er als Parabel auf jede Art von Beziehung gelesen werden kann, die Liebe, den Umgang mit Freunden, Angehörigen oder mit der eigenen Person. Jedes Kunstwerk, alles irgendwie Geschaffene ist insofern eine Selbstkonfrontation, die Stationen von Kampf, Anpassung, vielleicht auch Versöhnung durchmachen kann.

CYBINSKI   Wie ist das dichterisch umgesetzt?

DJORDJEVIĆ   Mit o ptici ist über weite Strecken ein dialogischer Text, wobei sich die beiden Protagonisten bezeichnenderweise mit dem distanzierenden »Sie« ansprechen. Antić schreibt in Versen ohne Reime; auf ganz außergewöhnliche Weise verbindet er einen hohen Ton mit Witz und Ironie. Der Text ist äußerst mutig in seiner Ehrlichkeit, Empfindsamkeit und überhaupt allem, was menschlich ist, auch wenn wir es zu verbergen suchen. Der Vogel verkörpert im wahrsten Sinne des Wortes das Verdrängte: Eitelkeit, Ängste, Wut, Unsicherheit, Schmerz, Verrat, Enttäuschung und Versagen. Alles ist komplett nackt, zielt schonungslos auf den Punkt. Hart aber liebevoll – und ungeheuer sinnlich. Ich hoffe, dass meine Musik genau das einfängt!

CYBINSKI   Dies ist Dein erstes Werk für Chor – wie setzt Du ihn ein?

DJORDJEVIĆ   Der Chor hat zwei Rollen. Zum einen gibt es die Ebene der Erzählung bzw. des inneren Monologs, die Alt und Tenor anvertraut ist. Auf der anderen Seite stehen die Dialoge, sie werden im Wechsel von Sopranen und Bässen wiedergegeben. Im ersten und zweiten Teil ist diese quasi funktionale Trennung ganz klar. Im dritten Teil, wenn sich der Künstler und sein Vogel erneut begegnen, durchmischen sich die Dinge dagegen, wobei es hier ohnehin zu einem Maximum an Ungeordnetheit kommt. Der vierte Teil hebt diese Rollen dann komplett auf.

CYBINSKI   Klingt nach einer beinahe klassischen Spannungskurve …

DJORDJEVIĆ   … ja, die Musik beginnt durchscheinend, schimmernd. Sie ist von innerer Unruhe durchzogen, klingt zweifelnd, suchend, aber doch hell und atmosphärisch. Ich schreibe Flageoletts in den Streichern, leises Geräusch im Schlagwerk, Luftklänge und weiche Dynamik in den Holzbläsern und Hörnern. Der Chor spricht, flüstert und singt auch richtiggehend, zum Teil in kontrollierter Aleatorik. Der zweite Teil bringt eine Verdichtung, Intensivierung, Verdunklung der Texturen, wobei noch alles recht wohlgesittet abläuft. Erst der dritte Teil, der etwa die Hälfte der rund 25-minütigen Dauer des Stücks beansprucht, bricht in verzerrte, wilde, verrückt aufgeladene Aktivität aus. In diesem Abschnitt arbeite ich mit sehr vielen Farben, es gibt Schreie und Geheule, Glissandi, raue und übersteuerte Klänge, auch »Vocal Fry«, also den Einsatz des knarrenden tiefen Strohbassregisters, das man aus dem asiatischen Untertongesang kennt. Hier kommt es zur dynamischen Kulmination, die Stärke ist maximal – Musik, wie ein komponierter Weltuntergang. Der vierte Teil fungiert als emotionale Reprise des Beginns, die eine Art Versöhnung andeutet. Dabei ist der Chor wie angedeutet zum einheitlichen Klangkörper fusioniert.

CYBINSKI   Ist es unter kommunikativen Gesichtspunkten nicht schwierig, dass der Text im Konzert für fast niemanden zu verstehen sein wird?

DJORDJEVIĆ   Das glaube ich nicht – die relevanten Passagen werden ja ins Deutsche übersetzt und lassen sich dann leicht nachlesen. Aber man muss sich gar nicht an den Text klammern, zumal er auch eine Katalysatorfunktion hat: Die Musik ist der Hauptträger der Handlung, sie sollte das zu Sagende transportieren. Ich wähle das Serbische nicht aus Nostalgie; ich sagte ja schon, dass genau dieser Text schon so lange in mir arbeitet. Derzeit plane ich beispielsweise ein Projekt mit einer fantastischen deutschen Schriftstellerin, darauf freue ich mich sehr! Für dieses Stück hier brauche ich die Sprache aber wegen ihrer Klänge, ihrer Intonation, der zischenden Geräusche und des Rhythmus. Deshalb hat der Chor in erster Linie rezitativische Aufgaben, wobei ich bewusst nicht mehr als dreifache Teilung pro Stimmgruppe vorsehe. Ariose Partien und melodische Bögen spielen keine Rolle. Allerdings wird es eine kleine solistische Antiklimax geben, einen kurzen, unbegleiteten Moment der selbstironischen Einsicht: Mitten in der selbstverschuldeten Katastrophe spricht der Schöpfer scheinbar arglos davon, wie ihm das eigene Antlitz im Spiegel einer Wasseroberfläche einst wie das eines Gottes erschien. In diesem freundlich-humorvollen Umgang mit der menschlichen Hybris liegt sehr viel Weisheit, finde ich.


Milica Djordjević [*1984]

Eine überbordende Klangphantasie ist die Grundlage der Musik von Milica Djordjević. Als Komponistin verfügt sie souverän über das ganze Arsenal zeitgenössischer Klang- und Spieltechniken und ist in der Lage, die von einem einsamen Cello erzeugten Klänge mittels Live-Elektronik in ein akustisches Gewitter von schier existenziellen Dimensionen zu transformieren, umgekehrt zwölf Schlagzeuger sich in das Übergangsfeld vom Unhörbaren zum Schattenhaften versenken zu lassen oder in Ensemble und Orchesterkompositionen statische Klangflächen sacht zu verflüssigen und in träge und zäh dahinrinnende Strömungen zu verwandeln. In ihrer Musik kann der Hörer nie vor Überraschungen sicher sein. Fast programmatisch mutet es da an, dass sie ein großes Orchesterwerk aus dem Jahr 2016, ein Kompositionsauftrag der musica viva/BR, Quicksilver genannt hat, denn ihrem ganzen Komponieren eignet etwas Quecksilbriges, das sich der eindeutigen Festlegung entzieht. Dabei ist dieses Schaffen von einer unbedingten künstlerischen Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit getragen, die sich ihrer Hörerschaft unmittelbar mitteilt.

Milica Djordjević wurde in Belgrad geboren und erlebte in ihrer Jugend die Bürgerkriege zwischen den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und die Bombardierung ihrer Heimatstadt durch die NATO mit. Sie begann ihre Kompositionsstudien in Belgrad, wo sie sich auch schon mit elektronischer Musik beschäftigte, ging danach nach Strasbourg und ans Pariser IRCAM, dem berühmten Forschungszentrum für elektronische Musik, bevor sie schließlich von 2011 bis 2013 ihr Studium in Berlin bei Hanspeter Kyburz an der Hochschule für Musik Hanns Eisler abschloss. Ihr bereits umfangreiches Schaffen, das von führenden Solisten und Klangkörpern der zeitgenössischen Musik aufgeführt wird, umfasst Stücke für Soloinstrumente, Kammermusikwerke in verschiedenen Besetzungen vom instrumentalen Duo bis zum Doppelquartett, Vokalwerke und groß besetzte Orchesterkompositionen. Für ihre Werke hat Milica Djordjević zahlreiche hochrangige Preise und Auszeichnungen erhalten, darunter 2016 den Komponistenpreis der Ernst von Siemens-Musikstiftung und 2020 den Claudio Abbado Composition Prize.

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Steinberg – Passionswoche
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