Startseite Konzerte & Tickets Konzertkalender Johann Sebastian Bach Eine musikalische Biografie mit Udo Wachtveitl

Johann Sebastian Bach Eine musikalische Biografie mit Udo Wachtveitl

2. Mittwochskonzert des Münchner Rundfunkorchesters
Mittwoch
7.
Dezember 2022
19.30 Uhr
München, Prinzregententheater

BR-KLASSIK überträgt das Konzert live im Radio  und im Video-Livestream.

Meet & Greet

Udo Wachtveitl wird nach dem Konzert im Foyer vor dem Gartensaal des Prinzregententheaters signieren!

Konzert in München

Programm

Johann Sebastian Bach
Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!
Eingangschor aus der Kantate, BWV 214
Antonio Vivaldi
Konzert
für zwei Violinen, Streicher und Basso continuo, op. 3 Nr. 8 aus »L’estro armonico«

Stanko Madić, Eugene Nakamura, Violine

Johann Sebastian Bach
Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen
Chor aus der gleichnamigen Kantate, BWV 12
Johann Sebastian Bach
Brandenburgisches Konzert Nr. 3
G-Dur, BWV 1048

Allegro – Adagio – Allegro

Johann Sebastian Bach
Wachet auf, ruft uns die Stimme
Eingangschor aus der Kantate, BWV 140
Gottfried Heinrich Stölzel
Bist du bei mir, geh’ ich mit Freuden
Arie aus der Oper »Diomedes«, Fassung für Singstimme und Basso continuo, BWV 508

Heidi Baumgartner, Sopran (BR-Chor)

Johann Sebastian Bach
Suite Nr. 3
für Orchester, BWV 1068

2. Air
4. Bourée

Johann Sebastian Bach
Musikalisches Opfer
Kanon zu vier Stimmen auf das königliche Thema, BWV 1079
Johann Sebastian Bach
Jauchzet, frohlocket!
Eingangschor aus dem Weihnachtsoratorium, BWV 248/1

Mitwirkende

Udo Wachtveitl Sprecher
Chor des Bayerischen Rundfunks
Münchner Rundfunkorchester
Peter Dijkstra Leitung

Parallel zur beliebten Reihe der Hörbiografien von BR-KLASSIK präsentiert das Münchner Rundfunkorchester einen Live-Abend mit Udo Wachtveitl und der zeitlosen Musik von Johann Sebastian Bach. Einschließlich unterhaltender Geschichten rund um den herausfordernden Lebensalltag des Leipziger Thomaskantors.

Seit 2010 geht Udo Wachtveitl, verdienter Tatort-Kommissar, auch bei den Hörbiografien von BR-KLASSIK auf Spurensuche und schlüpft in die Epochen und Lebensläufe der großen Komponisten. Als Sprecher steht er für atmosphärisch dichte und historisch glaubwürdige Darstellung bei den Hörbiografien aus der Feder von Jörg Handstein.

Die musikalische Leitung liegt bei Bach-Spezialist Peter Dijkstra, der für einige der schönsten Kompositionen des Meisters aus dem Spätbarock auch den BR-Chor aufs Podium bittet.

Interpreten
Gesangstexte
Bachs Lebensstationen – kurz gefasst
Johann Sebastian Bach. Porträt von Elias Gottlob Haußmann (1746)

Unendlicher Reichtum
Musik von Johann Sebastian Bach

Von Jörg Handstein

»Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen.« Das bekannte, Beethoven zugeschriebene Bonmot sollte Bachs »unendlichen unausschöpfbaren Reichthum von Toncombinationen und Harmonien« auf den Punkt bringen. Dabei konnte Beethoven noch kaum mehr kennen als einige Klavierwerke. So richtig zeigt sich der unendliche Reichtum erst mit dem Blick auf Bachs Gesamtwerk, das nahezu alle Gattungen, Formen und Stile seiner Zeit umfasst. Und das alles auf höchstem Niveau. Unser Konzert bietet zumindest einen Eindruck von der Fülle und Vielgestaltigkeit dieses Schaffens, wobei natürlich die Musik mit Chor und Orchester im Fokus steht.

Eher zu den Gelegenheitswerken gehören Bachs weltliche Kantaten, die zumeist für Feiern und Huldigungen bestimmt waren. Mehrere entstanden – wohl aus Bachs Eigeninitiative – für das kurfürstliche Haus Sachsen. In solchen Stücken obligatorisch waren Pauken und Trompeten, die musikalischen Insignien herrscherlicher Macht. Da lag die Idee nahe, diese zu Beginn der Festmusik gleich einmal vorzuzeigen, wie es Johann Sebastian Bach am 8. Dezember 1733, zum Geburtstag von Maria Josepha, Kurfürstin von Sachsen und Königin von Polen, in aller Pracht tat: Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!. Dabei übersteigen jedoch die künstlerische Qualität, die exquisite konzertante und polyphone Gestaltung den Anlass bei Weitem. Der Bach-Forscher Alfred Dürr vergleicht den Komponisten mit einem Gratulanten, der »statt mit einem Blumenstrauß mit echten Juwelen« seine Aufwartung macht.

Das Prinzip des Konzertierens, wie es in Italien entwickelt worden war, also das Gegen- und Miteinander frei agierender Solisten, war für die deutschen Barockkomponisten eine Offenbarung. 1711 machte Antonio Vivaldi mit seinen Violinkonzerten op. 3 europaweit Furore. Der Titel L’estro armonico (estro: »Eingebung« oder »fantasievoller, launiger Einfall«) passt recht gut, denn hochinspiriert hat Vivaldi die noch junge Gattung auf einen Gipfel geführt. Im Konzert Nr. 8 a-Moll entwickelt er im 1. Satz aus kraftvollen Ritornellen, zündenden Motiven und Wechselspielen ein farbenreiches und spannendes konzertantes Geschehen. Zu den zahlreichen blaublütigen Vivaldi-Fans zählte auch Prinz Johann Ernst von Sachsen-Weimar. Wahrscheinlich auf seine Anregung bearbeitete Bach um 1713/1714 neun Vivaldi-Konzerte für Orgel und Cembalo – und eignete sich so, buchstäblich »spielend«, das Formkonzept an.

Als Bach 1714 in Weimar »uf sein unterthänigstes Ansuchen« zum »Concert-Meister« befördert wurde, verpflichtete er sich, jeden Monat eine geistliche Kantate aufzuführen. Bereits die zweite davon, erklungen am 22. April, sollte eine von Bachs berühmtesten werden: Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen. Typisch für die barocke Religiosität weist sie den Weg aus dem irdischen Jammertal hin zu Christus, der dem leidenden Menschen Trost und Halt bietet. Der Rahmenteil des namensgebenden Chorsatzes ist gebaut auf einer chromatisch absteigenden, sich zwölfmal wiederholenden Basslinie. Darüber verflechten sich lang gezogene Seufzer zu Ketten von Dissonanzen. Ein solches »Lamento« entsprach gängigen Mustern, aber wenig andere erreichten diese erschütternde Ausdruckstiefe. Nicht zufällig hat Bach die Musik für das Crucifixus der h-Moll-Messe wiederverwertet, zumal das Kreuz als »Zeichen Jesu« bereits in der Kantate eine Rolle spielt.

Im März 1721 schickte Bach, inzwischen Kapellmeister in Köthen, eine schön geschriebene Partitur nach Berlin. Dem Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg gewidmet, ist der Inhalt als Brandenburgische Konzerte bekannt geworden, aber viel besser trifft Bachs eigener Titel: Six concerts avec plusieurs instruments. Mehrere, verschiedenartige Soloinstrumente hatte bereits Vivaldi kombiniert, die sechs Concerti von Bach übertreffen jedoch alles in dieser Art. Alle gängigen Orchesterinstrumente bekommen solistische Rollen, alle möglichen Satztechniken und Formen kommen zum Einsatz, ausgefeilt mit höchster Kunst. Es sind Concerti der absoluten Luxusklasse – wie der Bach-Forscher Michael Maul meint, »prickelnder Champagner, gefertigt aus einem Übermaß raffiniert ausgegorener Noten«.

Zu einem älteren Jahrgang aus dieser Sammlung gehört das Konzert Nr. 3 G-Dur, das bereits in Weimar entstand. Bach griff damit auf das eigentlich schon veraltete mehrchörige Gruppenkonzert zurück, dem er jedoch neuen Glanz und eine unbekannte Tiefendimension verlieh. Die Streicher sind aufgefächert auf drei Violinen, drei Bratschen und drei Celli (plus Violone bzw. Kontrabass), wobei jede Stimme einzeln und in der Gruppe agieren kann. Das bietet fast unendlich viele konzertante »Toncombinationen«. Der erste Satz ist aus einem einzigen, winzigen Motiv entwickelt, »dadldam«, nichts als eine Wechselnote. Gerade so aber gelingt ein enorm vielgestaltiges und eng verzahntes Konzertieren.

Das wie ein Tanzsatz gebaute Finale ist weniger komplex, eilt aber dafür umso virtuoser dahin. Zum Rhythmus einer rasanten Gigue bildet eine wellenförmige Spielfigur das Hauptmotiv. Dieses Motiv, beziehungsweise der Sechzehntel-Rhythmus, läuft rastlos wechselnd durch alle Stimmen, sodass ein ununterbrochener Strom kleinster Noten entsteht. Oder um Mauls Bild aufzugreifen: Hier sprudelt der Schampus wie ein munterer Gebirgsbach.

Erst in Leipzig, ab 1723, widmete sich Bach mit aller Kraft der Kirchenmusik. Jeden Sonntag und Feiertag hatte der Thomaskantor eine Kantate aufzuführen, die zur Predigt passte. Am 25. November 1731 ging es um das Gleichnis der klugen Jungfrauen, die den Bräutigam (Jesus) frühzeitig zur Hochzeit (mit der gläubigen Seele) empfangen. Wachet auf, ruft uns die Stimme ist eine sogenannte Choralkantate, in deren Eröffnungssatz die Melodie des gleichnamigen Kirchenliedes eingeflochten ist (hier im Sopran). Mit dem lebhaft konzertierenden Orchester und den imitierenden Chorstimmen legt Bach zwei sehr unabhängige Schichten über den Choral. So entsteht ein mehrdimensionales Bild des Geschehens: die Weckrufe, das Erwachen und Herbeilaufen der Stadtbewohner, die ganze Stimmung freudiger Erwartung. Wie gewohnt verknüpft Bach alle Schichten und Abschnitte kunstvoll zu einem Ganzen. So blitzt das Dreiklangssignal des Liedes immer wieder im Gewebe der Stimmen durch, sogar im polyphonen Jubel des »Allelujas«, das dem Chor einen überraschend virtuosen Auftritt verschafft.

Bei aller Arbeitsbelastung durch sein öffentliches Wirken nahm sich Bach auch Zeit für ein privates Musikleben. Einen Einblick bietet das 1725 begonnene Notenbüchlein seiner Frau Anna Magdalena. Es ist ein Sammelsurium von simplen bis anspruchsvollen Cembalostücken, von Chorälen, Arien und Liedern, auch von anderen Komponisten und Bachs Kindern, ein Familien-Patchwork, in das jeder hineinkritzeln durfte. Die Arie Bist du bei mir stammt aus einer Oper von Gottfried Heinrich Stölzel, den Bach sehr schätzte. Obwohl anrührend schlicht, ist es eine echte Opernarie. Derlei kann nur eine professionelle Sängerin (die Anna Magdalena ja war) richtig zur Geltung bringen. Ihr Gatte hat sie dann sicher begleitet, und man kann sich vorstellen, dass der Text für die beiden eine besondere Bedeutung hatte.

Ein weiteres Wirkungsfeld Bachs war das Leipziger Collegium musicum, ein studentisches Ensemble von hohem Niveau, das er ab 1729 leitete. Es trat regelmäßig im »Zimmermannischen Caffe-Hauß« auf. Hier ließ Bach nicht zuletzt seine vier Orchestersuiten hören, eine perfekte Tafelmusik zum Durchprobieren des Kuchenangebots. Wie Bach auch den französischen Stil beherrschte und bereicherte, zeigt das Air der Suite Nr. 3 besonders schön: Da ist die an sich schon reiche, wie auf Wolke sieben schwebende Melodie noch unterfüttert mit subtilen Nebenstimmen und Modulationen. Im Grunde ergibt der Satz eine einzige, wundersam verflochtene, sich in die Unendlichkeit verströmende Melodie. Mit 64.400.000 Google-Treffern ist das Air heute Bachs größter Hit, arrangiert für alle nur möglichen Besetzungen von der Zither bis zur Metal-Band.

An einen kleinen Kreis von Kennern richtet sich dagegen Bachs Musikalisches Opfer (1747), das der Komponist dem Preußenkönig Friedrich II. darbrachte. Seine Majestät höchstpersönlich hatte ihm ein Thema zum Improvisieren gegeben, das er zu Hause zu mehreren Stücken ausarbeitete. Neben zwei Fugen und einer Triosonate enthält das Werk mehrere Kanons, von denen der vierstimmige, so Peter Dijkstra, in der Besetzung mit Streichorchester »sehr gut zu machen ist«.

Bach beschäftigte sich in den 1740er Jahren intensiv mit der »Wissenschaft« vom Kontrapunkt. Darin sah er die Essenz, das innerste Wesen der Musik. Und die strengste, reinste Form davon ist der Kanon. Eine einzige notierte Stimme kontrapunktiert sich gewissermaßen selbst und generiert so ein vielstimmiges Musikstück. Das geht beim Bruder Jakob noch sehr einfach, nicht aber bei dem königlichen Thema, das Bach für den Kanon à 4 musikalisch noch etwas veredelte. Auch die Spieler haben es nicht leicht, denn Bach hat die Themeneinsätze nicht markiert. »Suchet, so werdet ihr finden«, schreibt er darüber. Ob der König derlei Rätsel goutiert hat?

Neue Kirchenmusik für Leipzig komponierte Bach seit etwa 1730 kaum mehr. Von seinen Vorgesetzten behindert und schikaniert, machte er nur noch Dienst nach Vorschrift. Dennoch sorgte er manchmal für Sternstunden, so etwa zum Jahreswechsel 1734/1735: »Oratorium, welches die heilige Weynacht über in beyden Haupt-Kirchen zu Leipzig musiciret wurde«, titelt der Textdruck der sechs Kantaten, die heute schlicht Weihnachtsoratorium genannt werden. Nur einen kleinen Teil hat Bach neu komponiert. Es war auch eine Möglichkeit, Musik aus den Huldigungskantaten, die sonst – wie kostbare Schmuckstücke – auf immer im Schrank verstaubt wären, nachhaltig wiederzuverwerten. Dabei war es in der Barockzeit völlig egal, ob die Pauken und Trompeten weltliche oder göttliche Macht priesen. So ist das Paukenmotiv der unser Konzert eröffnenden »Königin-Kantate« nun auf ewig verbunden mit den schönen Worten »Jauchzet, frohlocket«.

CD-Box zum Konzert

BR-KLASSIK Hörbiografie
Johann Sebastian Bach

4 CDs, BR-KLASSIK, 900936, ab März 2023

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