StartseiteHome Very clever – Howard Arman im Gespräch über Monteverdis Marienvesper

Very clever!

Howard Arman erklärt, warum Monteverdis „Marienvesper“ genial komponiert und bis ins Detail durchdacht ist.

Die Fragen stellte Alexander Heinzel.

 

 

 

 

Howard Arman (Foto: Astrid Ackermann, München)

Herr Arman, aus welchen Gründen haben Sie sich entschieden, das Originalklangensemble Concerto Palatino dem BR-Chor beiseite zu stellen

Es gibt kein zweites Ensemble wie Concerto Palatino, das einerseits große Erfahrung mit der „Marienvesper“ mitbringt, andererseits die Bereitschaft, sie immer wieder neu anzuschauen. Ich kenne Concerto Palatino schon seit unserer ersten Zusammenarbeit vor etwa dreißig Jahren. Daher fiel die Entscheidung nicht schwer: Für mich gibt es keine besseren, die sozusagen auf Augenhöhe mit unserem Chor musizieren.

Monteverdis „Marienvesper“ war zu ihrer Entstehungszeit vor 400 Jahren avantgardistische Musik, heute ist es Alte Musik. Wie kann es gelingen, das Moderne, das vielleicht Exzentrische herauszuarbeiten?

Monteverdis „Marienvesper“ von 1610 steht mit einem Fuß im alten Jahrhundert und mit einem Fuß im neuen. Das ist symbolisch für das, was in diesem Stück passiert. Für das alte Jahrhundert stehen die traditionellen Elemente wie Falsobordone-Rezitation, Cantus-firmus-Technik, motettischer Satz und rhythmischen Proportionen. Zukunftsweisend sind die harmonischen und rhythmischen Kühnheiten wie vor allem die Monodie mit Basso continuo. Allein diese Kontraste bieten ein großes Spannungsfeld.

Außerdem gibt es kaum einen Vers in der „Marienvesper“, der nicht musikalisch ausgedeutet wird. Monteverdis zum Teil dramatische Auffassungen der Texte bieten wichtige Impulse für das Musizieren. Nach den Madrigalsammlungen, die Monteverdi zuvor veröffentlicht hat, verwendete er den Begriff „seconda pratica“ um die neue, monodische Musik zu beschreiben.

Dass sich seine Neuerungen aus dem Bestehenden entwickelten, wollte er mit dem neuen Begriff zum Ausdruck bringen. Als Antwort auf die Angriffe von konservativen Musikern wie Giovanni Artusi war das very clever! Für Monteverdi bedeutete es regelrecht einen Ansporn: Wie kann ich diese alten Elemente in die Musik der neuen Zeit hereinbringen.

Also: Die „Marienvesper“ ist dann verständlich, wenn wir ihre stilistische Bandbreite verstehen, und es eben nicht exzentrisch musizieren.

Tatsächlich probiert Monteverdi in jedem Teil wieder neue Modelle und neue Kombinationen aus …

… richtig, etwa die Psalmen der „Marienvesper“, die sind für uns wie fünf vollkommen unterschiedliche Welten. Vielleicht so ähnlich wie bei einem Händel-Oratorium, in dem man altenglische Kirchenmusik, italienische Moderne, französische Hofmusik und volkstümliche Weisen finden kann. Ebenso wie bei Händel wird das Publikum der Monteverdi-„Marienvesper“ damals all diese Verknüpfungen von Alt und Neu mit Genuss als Abwechslung wahrgenommen haben.

Die „Marienvesper“ ist zunächst liturgische Musik, aber schon im Erstdruck finden sich aufführungspraktische Hinweise für unterschiedliche Aufführungssituationen und Besetzungsgrößen. Ist ihr Weg in den Konzertsaal schon in der Komposition angelegt?

Zu dieser Frage gehört eine andere: Sollen diese Stücke überhaupt alle hintereinander gespielt werden? Handelt es sich um ein Gesamtwerk? Die Antwort ist gleichermaßen ja und nein, sowohl als auch. Der Druck beinhaltet Psalmen und Concerti für Solostimmen. Im Gegensatz zu vielen anderen Komponisten hat Monteverdi die Concerti bewusst zwischen die Psalmen gesetzt, sodass der Druck zweifelsohne als Anthologie zu sehen war. Hier konnte ein Kapellmeister einzelne Stücke nach Bedarf herausnehmen. Sehen wir die „Marienvesper“ als Gesamtwerk, dann ersetzen Monteverdis Concerti die Antiphonen, die nach jedem Psalm gesungen werden – eine belegte Praxis aus der Zeit.

Gregorianische Choräle sind unerlässliche Bestandteile einer Vesper. Sie vervollständigen die Architektur eines komplexen Werkes wie der „Marienvesper“, so dass es für mich selbstverständlich erschien, Choräle für unsere Aufführung zusammenzustellen. Ich habe Choräle aus einem italienischen Antiphonale von 1607 gewählt. Monteverdi wird diese oder Ähnliche gekannt haben.

In der Konzertsituation bedeuten die Antiphonen keine Liturgie, aber sie geben dem Werk seine Form, lassen es atmen und seinen eigenen Binnenrhythmus in der Abfolge von Choral, Motette und Concerto finden.

Howard Arman (Foto: Astrid Ackermann, München)

Was bedeutet das für die Gesamtarchitektur der „Marienvesper“?

Psalmen sind wie Gebäude. Wenn ich nicht ein paar Schritte zurücktreten kann, gelingt es nicht, das Gebäude als Ganzes zu sehen. Und genau diesen Abstand schaffen die Antiphonen bei der Vesper.

Zur Gregorianik gehören etwa auch Lesungen und Segnungsgebete. Die wirken sich ebenso auf die gesamte Statik der „Marienvesper“ aus. Lassen wir das Werk mit dem Magnificat verklingen, ist es ein „Hurra!“-Schluss. Wenn dann aber noch Choral folgt, die Oratio, das Benedicamus, das Gebet für die Verstorbenen, dann ist man auf einer anderen Wahrnehmungsebene. Dann schließt das Werk extrem zurückgenommen und führt wieder zurück zum Wort – mit dem die Vesper begonnen hat.

Ist die Marienvesper überhaupt ein Werk für Chor?

Auch hier: ja und nein. Monteverdi stellt in seiner Musik so etwas wie gedankliche Strukturen her, natürlich verbunden mit Klangidealen, aber noch nicht definiert durch sie. Das ist ein erheblicher Unterschied! Selbstverständlich klingt die „Marienvesper“ mit nur einem Sänger pro Stimme großartig. Meine Herangehensweise ist eine andere: Oft gelingt es mit Chor nicht zufriedenstellend, weil man beispielsweise Transparenz verliert. Auch suggerieren die heutigen Notenausgaben, dass man einen gemischten Chor zur Ausführung braucht, also mit Sopran, Alt, Tenor, Bass. Monteverdi hatte das nicht. Er hatte hohe und tiefe Tenöre, keine Altistinnen, dafür falsettierende Männerstimmen. Wenn heute also Alt- und Tenorstimmen im gleichen Tonhöhenbereich singen, entsteht ein klangliches Ungleichgewicht. Deshalb habe ich öfters Stimmen anders aufgeteilt, damit alle in ihrer optimalen Stimmlage singen. Dabei werden beispielsweise Passagen nur von Männern gesungen. An anderer Stelle besetze ich dann nur drei Sängerinnen oder Sänger pro Stimme. Oder es singen nur Soprane mit den Männerstimmen.

Es gibt keinen „Normalfall“, jede musikalische Situation ist individuell. Dadurch bekommt dieses Werk eine Dreidimensionalität, einen Glanz, eine Unmittelbarkeit. Ich hatte ja darauf hingewiesen, wie unterschiedlich im Charakter die Psalmen der Marienvesper sind! Auf diese Weise kann ich die Unterschiede noch klarer herausarbeiten …

… also eine komplett andere Vorbereitung und Probenarbeit als etwa bei einer Haydn-„Schöpfung“?

Ganz richtig, vollkommen anders! Etwa die Frage, an welchen Stellen welches Instrument eine Vokalstimme mitspielt, wo Instrumente vielleicht anders artikulieren als die Sänger. Hinzu kommen Fragen der Stimmhöhe und des Stimmsystems. Wir musizieren auf dem A-Stimmton 465 Hz und in einer mitteltönigen Stimmung, also nicht wie eine moderne, „temperierte“ Klavierstimmung. Aus all diesen Elementen entsteht ein neues, ganz individuelles Gesamtkonzept.

Herr Arman, vielen Dank für dieses Gespräch.

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