StartseiteHome Ľubica Čekovská – Uraufführung der Drei Fragmente zum Stabat mater

Glaube, Liebe, Hoffnung

Die slowakische Komponistin Ľubica Čekovská hat im Auftrag des BR-Chores die drei fehlenden Sätze aus der Frühfassung des Dvořák-Stabat-mater nach-komponiert. Es sind drei „Fragmente“ geworden, die am 2. März 2019 uraufgeführt werden. BR-KLASSIK-Moderatorin Uta Sailer stellte Fragen zum Kompositionsprozess und zu ihrer Herangehensweise ans Thema.


Frau Čekovská, erinnern Sie sich an Ihre erste Komposition?

Ja, sehr genau sogar. Ich hatte zwar schon vor meinem Kompositionsstudium verschiedene kleine Sachen geschrieben, aber an die erste richtige Komposition erinnere ich mich sogar mit Datum, sie entstand am 15. Juni 1996. Fünf Miniaturen für Klavier. So eine Art Etüden, die eine mit drei Tönen, die andere mit vier Tönen und so weiter.

Das klingt sehr strukturiert …

… ja, allerdings war ich zunächst gar nicht strukturiert. Mein Professor, dem ich das Stück zeigte, sagte mir: Du musst anders denken! Du musst dich fragen, was genau du erreichen und was du vermeiden möchtest. Genau das habe ich bei dieser Komposition erst gelernt. Es reicht nicht, viel Material auf dem Tisch zu haben, man muss es strukturieren, einem Ziel unterordnen. Dennoch ist das wichtigste für mich die Intuition, die Idee. Was soll meine Musik ausdrücken? Erst kommt die Musik. Und daraus erwächst die Form.

Wie und wo komponieren Sie eigentlich?

Als Mutter zweier Kinder gehe ich direkt aus der Küche an den Schreibtisch. Die besten Ideen kommen schließlich aus dem „Resthirn“ (lacht). Ich schreibe mit Papier und Stift, denn ich bin etwas altmodisch. Schließlich verfasse ich auch Briefe noch von Hand – das ist einfach unmittelbarer als digital. Aber den Computer verwende ich schon auch, um Zeit zu sparen. Wenn die Skizzen fertig sind, dann übertrage ich alles auf den Rechner.

Arbeiten Sie auch am Instrument, etwa am Klavier?

Nein, höchstens mal kurz, um etwas auszuprobieren. Aber für die Stabat-mater-Fragmente bin ich gar nicht ans Klavier gegangen, es ist ja ein Chorstück, sehr polyphon und horizontal angelegt. Anfangs hatte ich die Idee, Klavier mit einzubauen, aber dann habe ich mich für die A-cappella-Variante entschieden.

 

Ľubica Čekovská und Arvo Pärt in London, 2000

Welche Rolle spielt das innere Hören für den Kompositionsprozess?

Es ist mir sehr wichtig, vorab das in meinem Innersten zu hören, was ich später im Außen höre.

Ihre Drei Fragmente aus dem Stabat mater beziehen sich auf das Stabat mater von Antonín Dvořák. Welche Beziehung haben Sie zu diesem Werk?

Es ist mir sehr nahe. Ich habe es zuletzt 2017 anlässlich des Todes des wundervollen Dirigenten Jiří Bělohlávek gehört: eine fantastische Interpretation, geleitet von Jakub Hrůša. Obwohl ich es schon oft in sehr guten Aufführungen erlebt habe: Das war die beste, an die ich mich erinnere. Sie hat mich sehr berührt.

Dvořák verarbeitete im Stabat mater den Tod von dreien seiner Kinder. Ist es durchweg ein trauriges Stück oder besteht aus Ihrer Sicht auch Hoffnung?

Ich glaube, das Stabat mater ist erfüllt von Trauer, aber ebenso von Glaube, Liebe und Hoffnung. Dvořák hat es in seiner wohl schwierigsten und unglücklichsten Lebensphase komponiert. Ich habe mich mit meiner Musik in diese „emotionale Ecke“ hineinbewegt. Ich bin ja selbst Mutter zweier Kinder und kann mich daher gut einfühlen, wie schrecklich es für Dvořák gewesen sein muss, Kinder zu verlieren.

Was bedeutet Ihnen persönlich der christliche Hintergrund?

Weil ich Christin bin, ist er mir sehr wichtig. Die drei Aspekte Glaube, Liebe, Hoffnung sind für mich zentral. Ich betrachte sie als Geschenk für mein Leben. Alle Menschen durchlaufen gute und schwierige, manchmal auch tragische Zeiten. Mich auf Glaube, Liebe und Hoffnung auszurichten, gibt mir Energie, es macht den Alltag leichter. Diese Einstellung lasse ich auch in meine Kompositionen einfließen. Ich hatte anfangs sogar überlegt, ob ich meinen drei Fragmenten den Titel „Glaube, Liebe, Hoffnung“ geben soll, habe mich dann aber doch anders entschieden. Ich finde, wir Komponistinnen und Komponisten sollten eine Botschaft mit unserer Musik vermitteln, etwas Spirituelles weitergeben. Alle Menschen sind Instrumente Gottes – oder wie auch immer Sie dieses Höhere bezeichnen wollen. Wir sollten in Harmonie leben. So, wie ein Orchester gestimmt sein muss, sollten auch wir Menschen uns aufeinander „einstimmen“.

Wir hören heute Dvořáks Frühfassung des Stabat mater für Soli, Chor und Klavier. Diese Fassung ist unvollständig, Sie haben nun die drei fehlenden Sätze neu komponiert. Wie sind Sie an Ihre Komposition herangegangen?

Ich habe die vorgegebenen Texte ziemlich „traditionell“ verwendet und neu komponiert. Dafür nahm ich den lateinischen Text und dazu ein paar Phoneme wie etwa „Hm“ oder „Ah“, um interessante Effekte zu erzielen. Musikalisches Material von Dvořák verwende ich aber nicht. Meine Stücke sollen dessen Stabat mater sozusagen kommentieren.

Howard Arman und Ľubica Čekovská in Gera anlässlich der Uraufführung ihres Violinkonzerts, 2010

Blickt man in Ihre Noten, bekommt man den Eindruck, dass Sie eher traditionell schreiben: klares Notenbild, eindeutige Taktangaben, auskomponierter Text, so dass er verständlich bleibt …

… ja, vielleicht bin ich etwas „traditioneller“ geworden, obwohl ich eher sagen würde: Ich schreibe modern, aber „soft“ modern, Čekovská-modern sozusagen. Hinzu kommt, dass ich bei einer Chorkomposition auch an die Sängerinnen und Sänger denken muss, an die Atmung, das Aussprechen der Worte und so weiter. Es ist völlig anders als für ein Orchester zu schreiben.

Vermeiden Sie Tonalität?

Nein, ich bemühe mich, Musik zu schreiben, die ich hören will.

Dvořák und Sie stammen beide aus dem slawischen Raum. Glauben Sie, dass es etwas spezifisch Slawisches in der Musik gibt?

Ja, das wurde mir in London an der Royal Academy of Music bewusst. Dort habe ich viele Studierende aus verschiedenen Kulturen getroffen, etwa aus den USA oder aus Korea. Hier in der Fremde wurde mir klar, dass slawische Musik oft etwas Melancholisches hat. Wir haben eine andere Art, Melodien zu schreiben. Ich will das nicht überbetonen, aber so eine gewisse Traurigkeit und Melancholie schwingen einfach mit.

Ihre Komposition ist ein Auftragswerk für den Chor des Bayerischen Rundfunks. Kannten Sie den Chor schon?

Ich habe Aufnahmen mit dem BR-Chor gehört, ihn aber leider noch nicht live erlebt. Seinen Künstlerischen Leiter, Howard Arman, kenne ich hingegen sehr gut. Wir haben uns in Gera getroffen, wo ich Composer in Residence war. Dort führten wir mein Violinkonzert und andere Stücke auf, die Howard Arman dirigierte. Er erzählte mir von diesem Chor und hat mich damals schon gefragt, ob ich Lust hätte, mal etwas für den BR-Chor zu schreiben.

Waren Sie bei den Proben dabei?

Für mich als Komponistin ist es sehr wichtig, bei den Proben anwesend zu sein, um zu sehen, wie sich die Musik „verhält“. Die Partitur ist wie ein Rezept, die Musik fängt erst in den Proben an. Ich bin sehr glücklich, dass ich nochmal mit Howard Arman zusammenarbeiten darf und mit diesem wundervollen Chor. Denn die Stimme ist für mich eines der schönsten Instrumente.

L’ubica Čekovská, herzlichen Dank für das Gespräch!

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