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Riccardo Muti dirigiert Schubert: Messe in Es-Dur

Donnerstag, 17.10.2019
München, Herkulessaal der Residenz

Tickets online

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks  | Sonderkonzert
Konzertbeginn: 20 Uhr
Konzerteinführung: 18.45 Uhr, Moderation: Michaela Fridrich

Franz Schubert
Ouvertüre in C-Dur

im italienischen Stil, D 591

Franz Schubert
Symphonie Nr. 7

h-Moll, D 759 (Unvollendete)

Franz Schubert
Messe Nr. 6 in Es-Dur

für Soli, Chor und Orchester, D 950

Ilse Eerens Sopran
Henriette Gödde Alt
Nicholas Phan Tenor
Maciej Kwaśnikowski Tenor
Gianluca Buratto Bass

Chor des Bayerischen Rundfunks

Einstudierung: Stellario Fagone

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Riccardo Muti

Leitung

WERKEINFÜHRUNG Schubert, Messe in Es-Dur

„Mit dem Glauben tritt der Mensch in die Welt“
Von Susanne Stähr

Franz Schubert: 31. Januar 1797 am Himmelpfortgrund in Wien (heute im Gemeindebezirk Alsergrund) – 19. November 1828 in Wien. Entstehungszeit der Es-Dur-Messe: Juni/Juli 1828. Widmung: dem Knaben- und Männerchor der Pfarrkirche zur Heiligen Dreifaltigkeit in Wien-Alsergrund. Uraufführung: 4. Oktober 1829 in der Dreifaltigkeitskirche unter der Leitung von Ferdinand Schubert

Was ist von einem Komponisten zu halten, der sich bei der Vertonung einer Messe allerhand „literarische“ Freiheiten erlaubt und die liturgische Textvorlage nach eigenem Gutdünken in ihrem Sinngehalt abändert? Ist er ein Häretiker? Franz Schubert musste sich diesem Verdacht ausgesetzt sehen. In allen sechs Gattungsbeiträgen, die er vorgelegt hat, in den vier frühen aus der Jugendzeit wie auch in den beiden großen Messen As-Dur D 678 und Es-Dur D 950, lässt er den Alleinvertretungsanspruch der katholischen Kirche unter den Tisch fallen. Der Satz „Et unam sanctam catholicam et apostolicam Ecclesiam“, „Ich glaube an die eine heilige, katholische und apostolische Kirche“, fehlt schlicht und ergreifend. Doch damit nicht genug: Im „Credo“ der Es-Dur-Messe, die im heutigen Konzert erklingt, muss auch der allmächtige Vater, „patrem omnipotentem“, daran glauben und findet keine Erwähnung, desgleichen die göttliche Geburt Christi, die sonst mit den Worten „genitum, non factum“ gewürdigt wird, und – ganz sonderbar! – die Hoffnung auf eine Auferstehung der Toten. Denn Schubert verzichtet kurzerhand auf die Formel „Et exspecto resurrectionem mortuorum“ – und stellt damit den Kern der christlichen Religion in Frage.

Dies erschien nun manchen Exegeten als so ungeheuerlich, dass sie sogleich nach Ausreden suchten. In der Schubert-Literatur kann man zum Beispiel lesen, dass der Komponist diese Zeilen einfach vergessen oder dass er eine fehlerhafte Textvorlage benutzt habe oder dass sein Latein zu schlecht gewesen sei, um das Unglück zu bemerken. Doch es spricht wenig für die Triftigkeit dieser Thesen. Schubert wuchs in einem katholischen Elternhaus auf, das Wert auf die Einhaltung der religiösen Pflichten legte. Durch seine Mitgliedschaft im Chor der Lichtentaler Pfarrkirche kam er zudem schon früh mit der kirchenmusikalischen Praxis in Berührung, und als Wiener Hofsängerknabe bildete er nicht nur seine Stimme aus, sondern erhielt zugleich eine profunde katholische Erziehung. Allerdings verrät schon sein Schulabschlusszeugnis aus dem Jahr 1814 eine gewisse Distanz zur kirchlichen Lehre: In fast allen Fächern erzielt Schubert ein „Gut“, aber unter „Religion“ prangt unbarmherzig das Urteil „Schlecht“. Spätestens ab seinem 20. Lebensjahr wird bei ihm tatsächlich eine zunehmende Distanz zur Amtskirche spürbar, wie seine abträglichen Bemerkungen über einige Pfarrer verraten. Einem von ihnen attestierte er zum Beispiel „dumm wie ein Erzesel“ und „roh wie ein Büffel“ zu sein. Bezeichnend auch, dass Schuberts Freund Ferdinand Walcher 1827 einen Brief an den Komponisten mit der spöttischen Bemerkung garnierte: „Credo in unum Deum! – Du nicht, das weiß ich wohl.“

Die Frage stellt sich: Wenn Schubert ein solch gespaltenes Verhältnis zum Klerus pflegte, warum hat er dann überhaupt Kirchenmusik geschrieben? Im Fall der Es-Dur Messe, die er im Sommer 1828 schuf, nur wenige Monate vor seinem Tod, bieten sich mindestens zwei Antworten an: eine künstlerische und eine glaubensphilosophische. Künstlerisch bildete das epochale Schaffen Ludwig van Beethovens für Schubert stets eine Herausforderung. Ob im Bereich der Symphonie, des Streichquartetts oder der Klaviersonate – immer hat er auf Beethovens jüngste Errungenschaften reagiert. Fraglos stellt auch die Es-Dur-Messe eine solche Entgegnung dar, und zwar auf Beethovens 1824 uraufgeführte „Missa solemnis“: Schon von ihrem Umfang, ihrer rund eine Stunde beanspruchenden Spieldauer her, überschreitet die Es-Dur-Messe, ganz wie Beethovens sakrales Gipfelwerk, klar den Rahmen dessen, was als musikalischer Beitrag zu einem Gottesdienst als praktikabel und sinnvoll erschien. Erst recht gilt dieser Befund für die symphonische Führung des Orchesters mit ihrem herausgehobenen Bläsersatz und der auffallend häufigen Verwendung der Posaunen, für die ungewöhnliche Solistenbesetzung mit gleich zwei Tenören, aber auch für formale Eigenwilligkeiten und für die avancierte Harmonik.

Man nehme nur den Beginn des „Sanctus“. Wer dieses Werk nicht kennt und auch nicht weiß, von wem es stammt, der würde wohl nicht unbedingt auf Schubert tippen, sondern womöglich eher auf Anton Bruckner. Die aufsteigenden Streichertremoli, die blockhafte, an die Registrierung einer Orgel erinnernde Orchester- und Chorbehandlung und vor allem die kühnen harmonischen Rückungen, die Schubert hier wagt, wenn er von Es-Dur unvermittelt nach h-Moll wechselt und erst nach diversen Modulationen, die ihn bis ins exotische Ces-Dur führen, wieder zur Grundtonart zurückkehrt, verraten eine verblüffende Nähe zu dem 27 Jahre jüngeren symphonischen Mystiker. Schubert greift mit dieser Messe der Musikgeschichte um Jahrzehnte voraus, er stößt in ästhetische Regionen vor, die Beethovens Klangsprache lange hinter sich gelassen haben. In welche musikalischen Welten Schuberts Weg wohl gewiesen hätte, wenn er nicht schon mit 31 Jahren verstorben wäre?

Die musikalische Faktur der Es-Dur-Messe spiegelt indes auch Schuberts ganz persönlichen Glaubenskosmos, den er mit diesem Werk ausgeschritten hat. Denn trotz seines Argwohns gegenüber der Amtskirche, war der Komponist keineswegs ein Agnostiker oder areligiös, ganz im Gegenteil, insbesondere das Schicksal Jesu Christi bewegte ihn tief. Davon legt eine Begebenheit aus dem Jahr 1825 Zeugnis ab, als Schubert bei einer Bergwanderung in den Salzburger Alpen den Lueg-Pass in der Nähe von Golling überquerte. Dort hatte im Jahr 1809, während des sogenannten Volkskriegs gegen Napoleon, eine blutige Schlacht getobt, deren Opfern nun in einer Kapelle gedacht wurde, vor der Figur des Gekreuzigten. Schubert zeigte sich indigniert von diesem Missbrauch und schrieb an seine Eltern: „Du herrlicher Christus, zu wie viel Schandthaten musst du dein Bild herleihen. […] Da stellen sie dein Bild auf, als wollten sie sagen: Seht! Die vollendetste Schöpfung des großen Gottes haben wir mit frechen Füßen zertreten, sollte es uns etwa Mühe kosten, das übrige Ungeziefer, genannt Menschen, mit leichtem Herzen zu vernichten?“

In der Es-Dur-Messe rückt Schubert denn auch das Leben und Leiden Jesu Christi ganz in den Mittelpunkt der Vertonung: Sein irdisches Schicksal zu beklagen ist das vorrangige Ziel dieser Vertonung – und nicht eine Feier der Glaubensgewissheit mit all ihren Verheißungen auf ein Fortleben im Jenseits. Deshalb legt Schubert im „Credo“ besonderes Gewicht auf das „Incarnatus“, das die Menschwerdung des Heilands behandelt: Ganz entgegen den musikhistorischen Gepflogenheiten bringt er hier drei Solisten, nämlich die beiden Tenöre und den Sopran, mit einer Melodie von seraphischer Schönheit zum Einsatz und lässt diesen Abschnitt, den er in wiegendem 12/8-Takt komponiert hat, ebenso wiederholen wie das nachfolgende „Crucifixus“, das dem Chor in syllabischer Deklamation vorbehalten bleibt. Geburt und Tod Christi bilden somit das Zentrum seines Glaubensbekenntnisses und erhalten proportional ein höheres Gewicht als in den meisten anderen Messkompositionen.

Besonders interessant aber mutet ein Kunstgriff an, den Schubert für das „Agnus Dei“ gewählt hat: ein vielsagendes Selbstzitat. Unter Einbezug aller Blechbläser und des martialisch in ganzen Notenwerten einsetzenden Chores übernimmt er eine Wendung aus seinem kurz zuvor komponierten Lied „Der Doppelgänger“, das in seinen Zyklus „Schwanengesang“ eingegangen ist. Dort erkennt der Sänger bzw. das lyrische Ich sich selbst in einer furchterregenden, bleichen Schmerzensgestalt wieder, in seinem Doppelgänger, der alles Leid der Welt auf sich zu vereinen scheint. Zur Ausgestaltung dieser Phrase wählte Schubert eine prominente Figur aus der barocken musikalischen Rhetorik, nämlich die Abfolge zweier absteigender Halbtonschritte, c–h und es–d, die, wenn man sie auf dem Notenpapier übereinanderlegte, die Linien eines Kreuzes nachzeichnen würden. Schärfer hätte Schubert die Analogie zwischen dem „Ich“, zwischen dem „gewöhnlichen“, allzu menschlichen Leiden eines verlassenen Liebhabers, und der göttlichen Bestimmung Christi, der für uns den Kreuzestod starb, nicht zuspitzen können. Nach diesem emotionalen Höhepunkt wirkt das finale „Dona nobis pacem“ eher resignativ als tröstend – und kaum wie ein Vorschein künftiger Herrlichkeit.

Schubert hat sich mit seiner Es-Dur-Messe also weit entfernt vom üblichen Bestimmungszweck und der spirituellen Mission eines solchen Sakralwerks – die Subjektivität triumphiert bei ihm über die religiöse Doktrin. Zwar hat er die verschiedensten Formen und Ausprägungen, wie sie über die Jahrhunderte die geistliche Musik gekennzeichnet haben, vom „stile antico“ bis zur gewaltigen Schlussfuge (im „Gloria“ und „Credo“), mit aller Kunstfertigkeit und Kompositionswissenschaft in seiner Partitur ausgereizt. Die Botschaft jedoch, die Schubert vermittelt, ist ebenso persönlich, wie es seine Glaubensdefinition war. Die nämlich hat er 1824 in seinem Tagebuch geliefert, als er dort notierte: „Mit dem Glauben tritt der Mensch in die Welt, er kommt vor Verstand und Kenntnissen weit voraus; denn um etwas zu verstehen, muss ich vorher etwas glauben. […] Verstand ist nichts als ein analysirter Glaube.“

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