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Das Mahler-Projekt mit Franui (Ersatztermin)

Mittwoch, 29.06.2022
München, Isarphilharmonie im Gasteig HP 8, 20 Uhr

Tickets online

4. Chor-Abonnementkonzert

(Ersatztermin für den 12. Februar)
Keine Konzerteinführung

»Wohin ich geh’?«
Das Mahler-Projekt mit Franui

Werke von Carl Loewe und Gustav Mahler
in Neu-Arrangements bzw. „Nachkompositionen“ von Markus Kraler, Andreas Schett und Howard Arman

Musicbanda Franui

Johannes Eder | Klarinette, Bassklarinette
Andreas Fuetsch | Tuba
Romed Hopfgartner | Sopran-/Altsaxophon, Klarinette
Markus Kraler | Kontrabass, Akkordeon
Angelika Rainer | Harfe, Zither
Bettina Rainer | Hackbrett
Patrik Hofer | Trompete
Andreas Schett | Trompete, musikalische Leitung
Martin Senfter | Ventilposaune
Nikolai Tunkowitsch | Violine

Chor des Bayerischen Rundfunks

mit Solisten

Howard Arman

Leitung

PROGRAMMFOLGE

Andreas Schett und Howard Arman | Moderationen

Die Sonne scheidet

nach Nr. 6 »Der Abschied« aus dem »Lied von der Erde« von Gustav Mahler (1860–1911)

Schlummerliedchen

nach der Nr. 1 aus den »Kinderliedern nach Texten von Christian Morgenstern«, op. 1, von Wilhelm Grosz (1894–1939)

Drei Vögel, davon ein Esel

nach »Lob des hohen Verstandes« aus »Des Knaben Wunderhorn«, »Ablösung im Sommer« aus »Lieder und Gesänge aus der Jugendzeit« von Gustav Mahler sowie aus »Liebe kleine Nachtigall« von Moritz Moszkowski (1854–1925)
Masako Goda, Diana Fischer | Sopran-Soli

Der verliebte Maikäfer

Nr. 1 aus den »Vier Fabelballaden«, op. 64, von Carl Loewe (1796–1869)
Kerstin Rosenfeldt | Alt-Solo
Nikolaus Pfannkuch | Tenor-Solo

Der Kuckuck

Nr. 2 aus den »Vier Fabelballaden« von Carl Loewe

Die Katzenkönigin

Nr. 3 aus den »Vier Fabelballaden« von Carl Loewe

Kleiner Haushalt

Lyrische Fantasie, op. 71 von Carl Loewe
Andrew Lepri Meyer | Tenor-Solo

Wer ist Bär?

Nr. 4 aus den »Vier Fabelballaden« von Carl Loewe

– PAUSE –

Zum letzten Lebewohl

nach Nr. 6 »Der Abschied« aus dem »Lied von der Erde« von Gustav Mahler

Phantasie

nach »Lieder und Gesänge aus der Jugendzeit« von Gustav Mahler

Wo bleibst du?

nach Nr. 6 »Der Abschied« aus dem »Lied von der Erde« von Gustav Mahler

Um Mitternacht

nach der Nr. 4 aus den »Rückert-Liedern« von Gustav Mahler

Mir war das Glück nicht hold

nach Nr. 6 »Der Abschied« aus dem »Lied von der Erde« von Gustav Mahler

Neuschluderbacher Tanz

nach »Verlorne Müh’« und »Selbstgefühl« aus »Des Knaben Wunderhorn« sowie »Der Abschied« aus dem »Lied von der Erde« von Gustav Mahler

Totengräberlied

aus »Hamlet« von William Shakespeare Nr. 1 der »Fünf Nacht- und Todesgesänge«, op. 9 Heft II, von Carl Loewe

Wohin ich geh’?

nach Nr. 6 »Der Abschied« aus dem »Lied von der Erde« von Gustav Mahler

Tod und Tödin

Ballade, op. 105 von Carl Loewe

Morgen!

nach Nr. 4 aus den »Vier Liedern«, op. 27, von Richard Strauss (1864–1949)

Bearbeitungen und Arrangements der Lieder Carl Loewes von Howard Arman
Bearbeitungen und Kompositionen aller weiteren Stücke von Markus Kraler / Andreas Schett

INTERPRETEN
Musicbanda Franui © Julia Stix

Musicbanda Franui

Franui ist der Name einer auf über 1400 Meter gelegenen Almwiese im Osttiroler Dorf Innervillgraten, in dem die Musiker von Franui großteils aufgewachsen sind. Das Wort ist rätoromanischen Ursprungs und verweist auf die geografische Nähe Innervillgratens zum ladinischen Sprachraum in den Dolomiten. Die Musicbanda Franui spielt seit 1993 in nahezu unveränderter Besetzung und ist bei renommierten Festivals und Konzerthäusern zu Gast, so etwa bei den Salzburger Festspielen, den Bregenzer Festspielen, der Ruhrtriennale, dem Holland Festival und den Ludwigsburger Schlossfestspielen, ebenso bei den Münchner Opernfestspielen, im Burgtheater Wien, in der Berliner Staatsoper Unter den Linden, in der Elbphilharmonie Hamburg, im Schauspielhaus Zürich und in der Philharmonie de Paris. Mit ihren Aneignungen der Lieder von Schubert, Schumann, Brahms und Mahler wurde Franui über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt. Dabei versteht sich das Ensemble als »Umspannwerk zwischen Klassik, Volksmusik, Jazz und zeitgenössischer Kammermusik«.

Bei ihren Konzerten und Musiktheaterproduktionen verbünden sich die Musiker häufig mit herausragenden Bühnenpartnern wie dem Bariton Florian Boesch, dem Autor Hans Magnus Enzensberger, dem Puppenspieler Nikolaus Habjan, dem Wienerlied-Duo Die Strottern, dem Maskentheater-Ensemble Familie Flöz, dem Videokünstler Jonas Dahlberg oder den Schauspielern Dörte Lyssewski, Dagmar Manzel, Sven-Eric Bechtolf oder Peter Simonischek. Im Wiener Konzerthaus gestaltet Franui seit 2015 jährlich das Festival »Gemischter Satz«, bei dem Musik, Bildende Kunst, Literatur und Wein in einem neuen Zusammenspiel präsentiert werden. Die CDs von Franui wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erhielt Ständchen der Dinge 2018 den Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik.

Mehr zum Chor des Bayerischen Rundfunks

Mehr zu Howard Arman

WERKEINFÜHRUNGEN

»Wohin ich geh’?«
Das Mahler-Projekt des BR-Chores und der Musicbanda Franui. Von Florian Heurich

Gustav Mahler sagte einmal, dass den doppelbödigen Humor seiner Musik wohl am besten Carl Loewe verstanden habe, und bezeichnete ihn, der die musikalisch-literarische Gattung der Humoreske geprägt hatte, als eines seiner Vorbilder. »Er würde meine Humoresken verstehen, wie er in Wahrheit der Vorläufer dieser Kompositionsform ist«, äußerte Mahler, der neben einer Verwandtschaft im Geiste doch auch Unterschiede in der Kompositionsweise des rund 65 Jahre älteren und 1869 verstorbenen Loewe erkannte: »Auch kann er sich von der alten Form noch nicht befreien, wiederholt die einzelnen Strophen, während ich ein ewiges Weiterlaufen mit dem Inhalt des Liedes, das Durchkomponieren, als das wahre Prinzip der Musik erkenne.«

Loewe pflegte in seinen Liedern, die von Tierfabeln bis hin zu Schauerballaden reichen, einen fast naiven Humor neben höchst dramatischem Pathos. Ebenso lotete später Mahler die beiden Pole Heiterkeit und Tragik, Lebensfreude und Todessehnsucht bis ins Extrem aus – sowohl in seinen symphonischen Werken als auch in seinen Liedern, wobei exemplarisch die Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn gelten kann, in der das ganze Spektrum des Mahler’schen Kosmos abgedeckt wird. Hier spannt sich der Bogen von Kinderliedern über grausame Soldatenlieder bis hin zu transzendenten Jenseitsreflexionen.

Das gemeinsame Mahler-Projekt des Chores des Bayerischen Rundfunks und der Musicbanda Franui ist mit einem Zitat aus dem Lied von der Erde überschrieben: »Wohin ich geh’?« Dort heißt es weiter: »Ich geh’, ich wand’re in die Berge. Ich suche Ruhe für mein einsam Herz.« Damit eröffnen sich vielfältige Assoziationen, die das Programm bestimmen. Zum einen wird der musikalische Weg von Carl Loewe zu Gustav Mahler beschritten, um das Vorleben der Mahler’schen Musik zu beschreiben. Zum anderen wird durch die Arrangements und »Nachkompositionen« von Howard Arman, der sich Loewe widmet, sowie von Andreas Schett und Markus Kraler, die Vokalwerke von Mahler für das Instrumentarium von Franui und den BR-Chor eingerichtet haben, die Klangsprache dieser Komponisten weitergedacht, quasi als Nachleben Mahlers. Eine besondere Rolle spielt dabei, wie sich Mahler von der Kultur und der Volksmusik des Alpenraums inspirieren ließ.

»Wohin ich geh’?«, bedeutet in Mahlers Schaffen aber auch eine Auseinandersetzung mit Abschied, Tod und Jenseits, für die gerade das letzte Stück aus dem Lied von der Erde beispielhaft ist. In diesem Sinne bildet dieser Abschied das Zentrum des Programms, in dem es nicht nur um Mahlers eigenen Lebensweg geht, sondern auch um das Davor und das Danach.

Andreas Schett spricht von »einer alten Liebesbeziehung zwischen Franui und Gustav Mahler«, und Howard Arman findet »die Klangfarbe von Franui, diese symphonisch zusammengestellte Volksliedinstrumentalfarbe, ideal für ein derartiges Projekt«. Damit haben sich zwei Klangkörper gefunden, die sich Mahler und dessen Vor- und Nachleben auf eine sehr persönliche Weise nähern.

»Der Tod, er ist ein guter Mann«
Carl Loewe zwischen Tragik und Humor

»Für meinen Teil des Programms nehme ich fast ausschließlich Lieder, die zu dem Genre Humoreske gehören«, so Howard Arman. Eine ganz direkte Parallele von Carl Loewe und Gustav Mahler bildet der Text »Einstmals in einem tiefen Tal Kuckuck und Nachtigall« – bei Mahler das Lied Lob des hohen Verstandes bzw. Drei Vögel, davon ein Esel aus Des Knaben Wunderhorn, bei Loewe eine seiner Vier Fabelballaden, Opus 64. Er erzählt die Geschichte von einem Sängerwettstreit zwischen dem Kuckuck und der Nachtigall, den ein Esel als Schiedsrichter bewertet. »Die Parallelen gehen aber weit über den reinen Text hinaus. Die Keckheit der Mahler’schen Komposition und dieser rhythmische Duktus im 2/4-Takt sind sehr stark von Loewe inspiriert«, erläutert Howard Arman.

Loewes Vokalwerk umfasst rund 500 Lieder und Balladen, die von ausgefeilten Kunstliedern bis hin zu Stücken für den Hausgebrauch reichen. »Deshalb ist auch sein Umgang mit Volksliedgut erstaunlich. Und genau das finden wir später bei Mahler wieder«, weiß Howard Arman. Besonders eindringlich sind Loewes Vokalkompositionen aus der Welt der Märchen, Legenden und Sagen, bevölkert von Elfen, Zwergen und anderen Geisterwesen. Aber zwischen den schauerlichen und phantastischen Liedern findet sich auch immer wieder Humoristisches und Groteskes. So etwa die Vier Fabelballaden, Opus 64, in denen es neben Kuckuck und Nachtigall außerdem noch einen verliebten Maikäfer gibt, der einer in einer Tulpe lebenden Fliege ein Ständchen bringen will. In der ursprünglichen Klavierbegleitung lässt Loewe das Instrument brummen, schwirren und umherhüpfen, was die zum Scheitern verurteilte Liebe des Käfers zur Fliege sehr plastisch illustriert. Ironie und Witz dieser Begleitung passt bestens zum Instrumentarium von Franui.

»Loewes Textauswahl steckt oft voller Skurrilität und Doppelbödigkeit«, so beschreibt Howard Arman Wer ist Bär?, die letzte der Vier Fabelballaden, als ein »sehr merkwürdiges Stück mit einem ganz ungewöhnlichen Text.« Es ist der Dialog zwischen einem Bären und einem Mädchen, das sich gegen die Zudringlichkeiten des Tiers zur Wehr setzt. In diesem Lied mit seinen erotischen Anspielungen wie auch in Die Katzenkönigin stehen die Tiere für menschliche Charakterzüge, die Loewe mit Hintersinn und Zweideutigkeit in Töne setzt.

»Eine zentrale Position nimmt für mich das Lied Kleiner Haushalt ein, denn es beginnt im typischen Ton einer Humoreske, am Ende geht es aber auch ums Sterben und um die Vergänglichkeit. Selbst wenn dieser Text von Friedrich Rückert nur von Insekten handelt.« Gerade der Umgang mit dem Thema Tod habe bei Loewe immer eine zutiefst ernste, aber auch eine grotesk-komische Seite, findet Howard Arman. Musikalisch reicht Loewes Tonsprache dabei von naiver Schlichtheit bis hin zu fast opernhafter Opulenz.

Doppelbödigkeit steckt auch im Totengräberlied auf einen Ausschnitt aus Shakespeares Hamlet, das zum Teil als Melodram mit gesprochenem Text über der musikalischen Begleitung gestaltet ist. So wie schon in Shakespeares Drama der Totengräber als groteske Figur inmitten einer tragischen Handlung auftaucht, so vertont auch Loewe diesen Text als Mischung aus Ernst und skurrilem Humor. Howard Arman möchte genau dies in seinen Arrangements für Chor und für die Besetzung von Franui herausarbeiten. »Man schreibt für diese Instrumente anders als für eine klassische Besetzung. Die Harfe etwa ist anders als eine klassische Harfe. Auch die Blechbläser und das Akkordeon. Damit kann man eine ganz eigene Art der musikalischen Karikatur erzeugen.«

Ein Beispiel jener großen, schaurigen Balladen, die typisch für Loewes Schaffen sind, und in denen in irgendeiner Form immer am Ende der Tod erscheint, ist Tod und Tödin. Das Gedicht vom Politiker, Juristen und Schriftsteller Adolf Ritter von Tschabuschnigg (1809–1877) geht auf eine alte kärntnerische Volkssage zurück. Es handelt von einem scheinbar normalen Ehepaar, dem Tod und seiner Frau, wobei der Mann in diesem kuriosen Haushalt fürs Geld sorgt, indem er die Toten herbeischafft, während die Frau die Totenhemden wäscht und schließlich Blumen auf die Gräber pflanzt. Auch in dieser Ballade steckt ein ganz eigenartiger Humor, der ans Makabre grenzt, wenn Tod und Tödin als »emsig wackres Paar« beschrieben werden, das einen ganz gewöhnlichen Haushalt führt. Loewes Tochter Julie von Bothwell berichtet über dieses, wie sie es nennt, »fantastische, schauerliche, überaus poetische Gedicht« und Loewes raffinierte Vertonung dieses sonderbaren Textes: »… welche Aufgabe und welche Lösung! und dabei die wunderbaren Details: er senkt sie finster tief hinab – c c b b as – tief, tiefer noch erscheint es, als as wirklich klingt. Und der folgende Akkord wie eine Auferstehung in Blumen und Sonnenschein.«

In diesem Sinne liegen bei Carl Loewe Tod und Leben, Tragik und Humor nah beieinander. »Und damit spannt sich der Bogen zu Mahler«, erklärt Howard Arman und ist beeindruckt davon, wie er mit »wirklich großen Themen wie Tod und Vergänglichkeit oberflächlich und zum Teil mit Witz umzugehen versteht.«

»Ich geh’, ich wandre in die Berge«
Franui und Mahler – zwischen Innervillgraten und Toblach

Ihre Schauplätze seien der Friedhof und der Tanzboden, sagen die Mitglieder der Musicbanda Franui über sich selbst. »Und genau diese beiden Pole spürt man auch in der Musik von Gustav Mahler. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt «, so Andreas Schett, Trompeter und Komponist von Franui. Deshalb verspüren die Musiker auch eine solch enge Beziehung zu Mahlers Klangwelt. Sie bezeichnen ihn aber nicht nur als ihren musikalischen Verwandten, sondern auch rein geographisch als ihren Nachbarn. Die meisten Musiker von Franui stammen aus dem kleinen Ort Innervillgraten in Osttirol, und das liegt quasi direkt hinterm Berg von Toblach in Südtirol, dem Sommerdomizil Mahlers zwischen 1907 und 1910, wo dessen hölzernes Komponierhäuschen steht und wo Das Lied von der Erde und die Neunte Symphonie geschrieben wurden.

Das Lied von der Erde ist an einem Wendepunkt in Mahlers Leben entstanden. Mehrere schlimme Ereignisse lasteten auf ihm: der Verlust seines Postens als Direktor der Wiener Hofoper nach einer antisemitisch geprägten Pressekampagne, der Tod seiner vierjährigen Tochter an Diphterie sowie die Diagnose einer schweren Herzerkrankung, an der Mahler wenig später sterben sollte. So ist auch das Lied von der Erde eine Auseinandersetzung mit dem Tod, wobei dieser teils als groteske Fratze, teils als tragischer Schicksalsschlag oder als friedvoll verklärtes Ausklingen erscheint. Gerade das letzte Lied Der Abschied, das ursprünglich für Altstimme geschrieben ist, empfindet Andreas Schett nicht nur als ein rein solistisches Lied. »Ich finde es faszinierend, dass man diesen Text fast wie ein antikes Chorstück, etwa von Euripides, lesen kann. Deshalb eignet er sich auch bestens dafür, von einem Chor gesungen zu werden.« Das Stück endet in einem weltentrückten, warm strömenden Gesang, der den Einklang von Leben und Sterben zum Ausdruck bringt und sich schier endlos auf das Wort »ewig« aufzulösen scheint. Zuvor jedoch bricht der Tod mit bitterer Vehemenz in einem schwer lastenden Trauermarsch herein. »Man könnte sich vorstellen, dass Mahler so etwas von der Musikkapelle in Toblach auf dem dortigen Friedhof gehört hat«, sinniert Andreas Schett. »Und früher war es ja oft so, dass derselbe Trauermarsch, der zuvor auf einer Beerdigung erklungen ist, danach im vierfachen Tempo gespielt wurde und die Leute dabei ins Wirtshaus gezogen sind.« Solche Assoziationen könne man auch bei der Mahler’schen Tonsprache haben, auch hier liegen Tod und Leben, Friedhof und Tanzboden nahe beieinander.

Aber nicht nur Trauermärsche, sondern auch Ländler, Walzer und andere Anklänge an die Volksmusik tauchen in Mahlers Musik auf, und auch deshalb eignet sich das Instrumentarium von Franui so ideal, das Harfe, Zither und Hackbrett mit Blasinstrumenten, Geige, Kontrabass und Akkordeon kombiniert und damit einen farbenreichen, individuellen Klang erzeugt – irgendwo zwischen kleinem Volksmusikensemble und großem Orchester.

Der Abschied aus dem Lied von der Erde bildet den roten Faden in Andreas Schetts und Markus Kralers Mahler-Arrangements. In dieses Stück sind assoziativ andere Lieder eingewoben, die musikalische und textliche Gedanken weiterspinnen, die in Der Abschied aufscheinen. Dadurch entsteht eine Mischung aus tiefem Ernst und unbändiger Heiterkeit. »Einerseits gibt es sozusagen ›heilige‹ Stellen, wo wir die Musik in all ihrer Schönheit zelebrieren und wiedererwecken, andererseits gibt es Passagen, wo wir einfach drauf los spielen, das Material weiterdenken, darüber phantasieren und es komplett auf den Kopf stellen.«

So schließt sich an eine Passage aus Der Abschied, in der eine Nachtstimmung heraufbeschworen wird, das Schlummerliedchen von Wilhelm Grosz an, einem Komponisten, der ähnlich wie Mahler vom Geiste Wiens um 1900 geprägt war. Die Atmosphäre eines von Tieren bevölkerten Kinderliedes setzt sich fort in Drei Vögel, davon ein Esel mit seinen Zitaten aus Lob des hohen Verstandes und Ablösung im Sommer sowie aus dem Salonlied Liebe kleine Nachtigall von Moritz Moszkowski.

Das Thema Abschied zieht sich durch die folgenden Passagen aus dem Lied von der Erde und einer Phantasie über Zu Straßburg auf der Schanz’, einem Soldatenlied aus Des Knaben Wunderhorn, dem ein Eichendorff-Vers unterlegt ist, und geht über in die Seelenqualen von Um Mitternacht, die wenig später ins Heitere kippen: eine kurze Verwirrung der Sinne bringt Franui mit einem Neuschluderbacher Tanz zum Ausdruck. Diesen Ort in der Nähe von Toblach kannte Mahler gut.

Das Lied von der Erde selbst endet in der Transzendenz. Wenn Andreas Schett und Markus Kraler auf die programmatische Textpassage »Wohin ich geh’? Ich geh, ich wandre in die Berge. Ich suche Ruhe für mein einsam Herz« jedoch das Lied Morgen! von Richard Strauss folgen lassen, dann endet dieses Programm im Diesseits. Weder auf dem Friedhof, noch auf dem Tanzboden. Aber in einer hoffnungsvollen Vision. Einer Vision, die so typisch ist für die Musik von Franui.

GESANGSTEXTE

Gustav Mahler
Die Sonne scheidet

Die Sonne scheidet hinter dem Gebirge.
In alle Täler steigt der Abend nieder
mit seinen Schatten, die voll Kühlung sind.
O sieh! wie eine Silberbarke schwebt
der Mond am blauen Himmelssee herauf.

Die Erde atmet voll von Ruh und Schlaf.
Alle Sehnsucht will nun träumen.
Die Vögel hocken still in ihren Zweigen.
Die Welt schläft ein!
Hans Bethge (1876–1946)

Wilhelm Grosz
Schlummerliedchen

Schlaf, Kindlein, schlaf!
Es war einmal ein Schaf,
das Schaf das ward geschoren,
da hat das Schaf gefroren.
Schlaf, Kindlein, schlaf.

Da zog ein guter Mann
ihm seinen Mantel an.
Jetzt brauchts nicht mehr zu frieren,
kann froh herumspazieren.
Schlaf, Kindlein, schlaf …
Christian Morgenstern (1871–1914)

Gustav Mahler / Moritz Moszkowski
Drei Vögel, davon ein Esel

Einstmals in einem tiefen Tal
Kuckuck und Nachtigall
täten ein Wett anschlagen:
Zu singen um das Meisterstück,
gewinn es Kunst, gewinn es Glück –
Dank soll er davon tragen.

Der Kuckuck sprach: »So dir’s gefällt,
hab ich den Richter wählt«,
und tät gleich den Esel ernennen.
»Denn weil er hat zwei Ohren groß,
so kann er hören desto bos!
Und, was recht ist, kennen!«

Sie zogen vor den Richter bald.
Wie dem die Sache ward erzählt,
schuf er, sie sollten singen.
Die Nachtigall sang lieblich aus!
Der Esel sprach: »Du machst mir’s kraus!
Du machst mir’s kraus! I-a! I-a!
Ich kann’s in Kopf nicht bringen!«

Der Kuckuck drauf fing an geschwind
sein Sang durch Terz und Quart und Quint.
Dem Esel g’fiels, er sprach nur »Wart!
Dein Urteil will ich sprechen.

Wohl sungen hast du Nachtigall!
Aber Kuckuck, singst gut Choral!
Und hältst den Takt fein innen!
Das sprech ich nach mein’ hoh’n Verstand!
Und kost es gleich ein ganzes Land,
So lass ich’s dich gewinnen!
Kuckuck! Kuckuck! I-a!«

Kuckuck hat sich zu Tode gefallen,
an einer grünen Weiden!
Kuckuck ist tot, hat sich zu Tod’ gefallen!

Wer soll uns denn den Sommer lang
die Zeit und Weil’ vertreiben?
Kuckuck! Kuckuck!

Ei! Das soll tun Frau Nachtigall!
Die sitzt auf grünem Zweige!
Die kleine, feine Nachtigall,
die liebe, süße Nachtigall!
Sie singt und springt, ist allzeit froh,
wenn andre Vögel schweigen!

Liebe kleine Nachtigall,
wenn der Sommer vergeht,
dann spende deinen süßen Schall,
ehe du nach Süden fliegst!

Liebe kleine Nachtigall,
spende deinen süßen Schall!
Singe, jubel noch einmal
deine alten Lieder!

Grüße und tausend Küsse,
nimm sie behutsam und fein
auf dein zart Flügelein
und dann flattre langsam fort!

Liebe kleine Nachtigall!
Wenn der Sommer vergeht:
Singe, jubel noch einmal
deine alten Lieder!
Liebe kleine Nachtigall!
Wenn der Sommer vergeht: Ah!
Aus »Des Knaben Wunderhorn« sowie von
Nani Intrator (»Liebe kleine Nachtigall«)

Carl Loewe
Der verliebte Maikäfer

»Glühwürmchen, steck’s Laternchen an!
Ich will ein Ständchen bringen,
zur roten Tulpe führ mich hin,
da wohnt meine schöne Fliege drin,
die hört so gern mich singen!«

Maikäfer spricht’s, der eitle Geck,
er knüpft nach Stutzerweise
sein braunes Röckchen zierlich auf,
zieht kraus die Flügel draus herauf,
und macht sich auf die Reise.

Auf gold’nem Stühlchen saß daheim
schön’ Fliege gar app’titlich,
trank ihren Tau in guter Ruh,
aß etwas Blumenstaub dazu
und war so recht gemütlich.

Da leuchtets durch die rote Wand,
sie war gar fein gewoben;
da summt es drauß, da brummt es drauß,
da wankt und schwankt das Tulpenhaus,
Maikäferchen saß oben.

Schön’ Fliege denkt: »Du alter Narr,
du kommst mir recht zu passe!«
Sie fliegt zum Dach und gießet schlau
einen ganzen großen Tropfen Tau
dem Käfer auf die Nase.

Kalt Wasser, von so zarter Hand
auf heißes Blut gegossen,
das kühlt ein wenig heftig ab,
Maikäfer stürzt im Nu herab,
als wär er totgeschossen.

Doch kaum erholt er sich vom Schreck,
da spricht er ohn’ Verdrießen:
»Das Zuckerkind! wie denkt sie mein!
Wollt’ mich mit süßem Trank erfreu’n,
tät nur zu viel vergießen!«

Schön’ Fliege macht die Äuglein zu
und meint: Der kommt nicht wieder;
da summt es drauß, da brummt es drauß,
da wankt und schwankt das Tulpenhaus,
Maikäferchen kam wieder.

Schön’ Fliege denkt: »Nun warte, Wicht,
ich will im Takt dich rütteln!«
Sie fliegt vom Wand zu Wand herum,
dass sich die ganze Tulpenblum’,
als wär ein Sturm, muss schütteln.

Wer hoch in Liebesträumen schwebt,
sieht nicht auf Steg und Wegen,
die Tulpenwände waren glatt,
und eh’s der Käfer merken tat,
hat unten er gelegen.

Doch kaum erholt er sich vom Schreck,
vergessen war das Leiden:
»O je! wie bin ich doch beglückt,
mein Ständchen hat sie so entzückt,
dass hoch sie sprang vor Freuden!«

Schön’ Fliege, bald im Schlummer schon,
sie denkt: Der kommt nicht wieder;
da summt es drauß, da brummt es drauß,
da wankt und schwankt das Tulpenhaus,
Maikäferchen kam wieder.

»Jetzt hab’ ich den Gesellen satt,
soll mir nicht wiederkommen;
ist nur die Sonne erst erwacht
und hat mein Häuschen aufgemacht,
dann soll’s ihm schlecht bekommen!«

Und wie die liebe Sonne
durch die ersten Fugen blinket,
da stürmt im Fluge sie hervor,
schlägt mit den Flügeln ihm ums Ohr,
dass tief ins Gras er sinket.

Doch bald erholt er sich vom Schreck:
»Nun ist mein Glück vollkommen!
Sie wollt’ mich küssen offenbar,
da musste grad ich dummer Narr
ihr untern Flügeln kommen!

Glühwürmchen, lisch dein Lichtchen aus,
musst nicht so viel vergeuden!
wir brauchen’s heute Abend doch,
da kommen wir viel früher noch!
es macht ihr tausend Freuden!«
Aus: »Lieder – Romanzen und Balladen« von Robert Reinick (1805–1852)

Carl Loewe
Der Kuckuck

Einmal in einem tiefen Tal
der Kuckuck und die Nachtigall
eine Wett’ täten anschlagen,
zu singen um das Meisterstück:
Wer’s gewänn aus Kunst oder aus Glück,
Dank sollt er davon tragen.

Der Kuckuck sprach: »So dir’s gefällt,
hab der Sach einen Richter erwählt.«
Und tät den Esel nennen.

»Denn weil der hat zwei Ohren groß,
so kann er hören desto bass,
und was recht ist, erkennen.«

Als ihm die Sach nun ward erzählt,
und er zu richten hat Gewalt,
schuf er: Sie sollten singen!
Die Nachtigall sang lieblich aus;
der Esel sprach: »Du machst mir’s kraus;
ich kann’s in Kopf nicht bringen.«

Der Kuckuck fing auch an und sang,
wie er denn pflegt zu singen:
Kuckuck, Kuckuck, lacht fein darein,
das g’fiel dem Es’l im Sinne sein,
er sprach: »In allen Rechten
will ich ein Urteil sprechen.«

»Hast wohl gesungen, Nachtigall!
Aber Kuckuck singt schön Choral,
und hält den Takt fein innen.
Das sprech ich nach mei’m hoh’n Verstand,
und ob es gölt ein ganzes Land,
so lass ich’s dich gewinnen.«
Aus: Johann Gottfried Herder, »Stimmen der Völker in Liedern«

Carl Loewe
Die Katzenkönigin

’s war mal ’ne Katzenkönigin, ja, ja!
Die hegte edlen Katzensinn, ja, ja!
Verstund gar wohl zu mausen,
liebt’ königlich zu schmausen, ja, ja,
Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!

Die hatt ’nen schneeweißen Leib, ja, ja!
So schlank, so zart, die Hände so weich, ja, ja!
Die Augen wie Karfunkeln,
sie leuchteten im Dunkeln, ja, ja,
Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!

Ein Edelmausjüngling lebte zur Zeit, ja, ja!
Der sah die Königin wohl von weit, ja, ja!
’ne ehrliche Haut von Mäuschen,
der kroch aus seinem Häuschen, ja, ja!
Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!

Der sprach: »In meinem Leben nicht, ja, ja!
Hab ich gesehn so süßes Gesicht, ja, ja!
Die muss mich Mäuschen meinen,
sie tut so fromm erscheinen.« Ja, ja!
Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!

Der Maus: »Willst du mein Schätzchen sein? Ja, ja!«
Die Katz: »Ich will dich sprechen allein, ja, ja!«
»Heut’ will ich bei dir schlafen!«
»Heut’ sollst du bei mir schlafen«, ja, ja,
Katzennatur! ja, ja,
Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!

Der Maus, der fehlte nicht die Stund, ja, ja!
Die Katz, die lachte den Bauch sich rund, ja, ja!
»Dem Schatz, den ich erkoren,
dem zieh ich’s Fell über die Ohren.« Ja, ja,
Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!
»Lieder und lyrisch epische Gedichte« von Adelbert von Chamisso (1781–1838)

Carl Loewe
Kleiner Haushalt

Einen Haushalt klein und fein
hab ich angestellt,
der soll mein Gast sein,
dem er wohlgefällt.

Der Specht, der Holz mit dem Schnabel haut,
hat das Haus mir aufgebaut,
dass das Haus beworfen sei,
trug die Schwalbe Mörtel bei,
und als Dach hat sich zuletzt
oben drauf ein Schwamm gesetzt.

Drinnen die Kammern
und die Gemächer,
Schrank und Fächer
flimmern und flammern,
alles hat mir unbezahlt
Schmetterling mit Duft bemalt.

O wie rüstig in dem Haus
geht die Wirtschaft ein und aus.

Wasserjüngferchen, das flinke,
holt mir Wasser, das ich trinke,
Biene muss mir Essen holen,
frage nicht, wo sie’s gestohlen.

Schüsseln sind die Eichelnäpfchen
und die Krüge Tannenzäpfchen,
Messer, Gabel,
Rosendorn und Vogelschnabel.

Storch im Haus ist Kinderwärter,
Maulwurf Gärtner,
und Beschließerin im Häuslein
ist das Mäuslein.

Aber die Grille
singt in der Stille,
sie ist das Heimchen, ist immer daheim,
und weiß nichts als den einen Reim.

Doch im ganzen Haus das beste
schläft noch feste.
In dem Winkel, in dem Bettchen
zwischen zweien Rosenblättchen
schläft das Schätzchen Tausendschönchen,
ihr zu Fuß ein Kaiserkrönchen.

Hüter ist Vergissmeinnicht,
der vom Bette wanket nicht,
Glühwurm mit dem Kerzenschimmer
hellt das Zimmer.

Die Wachtel wacht
die ganze Nacht,
und wenn der Tag beginnt,
ruft sie: Kind! Kind!
Wach auf geschwind.

Wenn die Liebe wachet auf,
geht das Leben raschen Lauf.

In seidnen Gewändern,
gewebt aus Sommerfaden,
in flatternden Bändern,
von Sorgen unbeladen,
lustig aus dem engen Haus,
lustig auf die Flur hinaus!

Schönen Wagen
hab’ ich bestellt,
uns zu tragen
durch die Welt.

Vier Heupferdchen sollen ihn
als vier Apfelschimmel ziehn;

sie sind wohl ein gut Gespann,
das mit Rossen sich messen kann.
Sie haben Flügel,
sie leiden nicht Zügel,
sie kennen alle Blumen der Au
und alle Tränken von Tau genau.

Es geht nicht im Schritt.
Kind kannst du mit?
Es geht im Trott,
nur zu mit Gott!
Lass du sie uns tragen
nach ihrem Behagen.
Und wenn sie uns werfen vom Wagen herab,
so finden wir unter Blumen ein Grab.
Aus »Jugendlieder« von Friedrich Rückert (1788–1866)

Carl Loewe
Wer ist Bär?

»Mach auf, mach auf, mach auf deine Tür,
charmantestes Kind, ich steh dafür!«
»Wer bist du dann? Mein Vater spricht,
vor Bär und Wölfen öffne nicht.«

»Ich bin ein Bär, ein Wolf, ein Fuchs,
eine kleine Maus, ein Adler, ein Luchs,
ich kriech und saus und schleich und schwirr;
eh du dich’s versiehst, ich bin bei dir!«

»Ich bin in meiner Kammer mutterseelenallein,
für so viel Tiere ist sie viel zu klein!«
»Steh auf, mach auf, riegel auf, mein Schatz,
es ist schon neben dir noch Platz!«

»Keine Maus kann ich nit rascheln hör’n,
hab gar zu große Angst vor Bär’n.
Der Wolf, der ist ein Tier nit fein,
Fuchs, Luchs und Adler fressen meine Küchelein.«

»Spring auf, riegel auf, mach nit zu lang,
mein Herz schlägt wie ein Glockenstrang.

Ein schwaches Brett ist nur dein Tür,
komm nur aus deinem Bett herfür!«

»Du bist ja nit ein Wolf, ein Fuchs,
keine kleine Maus, kein Adler, kein Luchs.
Du bist ein schwarzer, schwarzer Bär,
was kommst du in meine Kammer her?«

»Ich komme von dem Wiesewachs,
allwo die Biene sammelt Wachs,
ich komme aus dem grunen Wald,
da wo sie ihren Honig halt.«

»Wie hässlich ist dein großer Mund,
wie drückt deine raue Tatze wund.«
»Damit klettr’ ich auf alle Bäum
um süßen, süßen Honigseim.«

»Wie stachlicht deine Zunge ist,
und wie du gar gefräßig bist.«
»Damit leck ich den Morgentau
und süße Beeren, rot, gelb und blau.«

»Ach, lieber Bär, zerreiß mich nicht,
bin meiner Mutter Augenlicht,
meine Mutter ist des Schulzen Frau,
der Schulze schlägt mich braun und blau.«

»Bist du deines Vaters Tochter schon,
bin ich auch meiner Mutter Sohn,
und wär dein Vater auch ein Bär,
bin ich ja doch dein gnäd’ger Herr.«
Wilhelm Häring alias Willibald Alexis (1798–1871)

Gustav Mahler
Zum letzten Lebewohl

Es wehet kühl im Schatten meiner Fichten.
Ich stehe hier und harre meines Freundes.
Ich harre sein zum letzten Lebewohl.
Hans Bethge

Gustav Mahler
Phantasie

Ins Leben schleicht das Leiden
sich leise wie ein Dieb.
Wir alle müssen scheiden,
von allem was uns lieb.
Joseph von Eichendorff (1788–1857)

Gustav Mahler
Wo bleibst du?

Ich sehne mich, o Freund, an deiner Seite
die Schönheit dieses Abends zu genießen.
Wo bist du? Du lässt mich lang allein!
Hans Bethge

Gustav Mahler
Um Mitternacht / Mir war das Glück nicht hold

Um Mitternacht
hab ich gewacht
und aufgeblickt zum Himmel;
kein Stern vom Sterngewimmel
hat mir gelacht
um Mitternacht.

Um Mitternacht
nahm ich in acht
die Schläge meines Herzens;
ein einz’ger Puls des Schmerzens
war angefacht
um Mitternacht.
Gustav Mahler

Um Mitternacht
kämpft ich die Schlacht,
o Menschheit, deiner Leiden;
nicht konnt’ ich sie entscheiden
mit meiner Macht
um Mitternacht.

Er stieg vom Pferd und reichte ihm
den Trunk des Abschieds dar.
Er fragte ihn, wohin er führe
und auch warum es müsste sein.

Er sprach, seine Stimme war umflort:
»Du, mein Freund,
mir war auf dieser Welt
das Glück nicht hold!«
Friedrich Rückert / Hans Bethge, nach Wang Wei (701–761)

Gustav Mahler
Neuschluderbacher Tanz

Ich bin nicht krank und nicht gesund,
ich bin blessiert und hab kein Wund;
ich tät gern essen und schmeckt mir nichts;
ich hab ein Geld und gilt mir nichts,
ich weiß nicht wie mir ist!
Aus »Des Knaben Wunderhorn«

Carl Loewe
Totengräberlied

In meiner Jugend als ich liebte,
wie dünkte mich das süß!
Und wie vielerlei ich sonst verübte,
nichts dünkt mich schön wie dies!

Hamlet Hat dieser Bursche kein Gefühl von seinem Geschäft? Er singt, indem er ein Grab gräbt.
Horatio Gewohnheit hat gemacht, dass es zu seinem Wohlsein gehört.
Hamlet So ist’s, freilich. Die Hand, die am wenigsten tut, hat die zarteste Empfindung.

Doch Alter mit dem Diebesschritt
packt mich mit seiner Faust
und hat mich aus dem Land geschifft,
als hätt ich dort nie gehaust.

Hamlet Ja, ja, und nun ohne Fleisch, und mit dem Spaten eines Totengräbers um die Kinnbacken geschlagen! Die meinigen tun mir wehe, wenn ich daran denke.

Die Hacke und der Spaten,
dann ein Leichenhemd dazu
und, o, ein Loch von Lehm
geht an für einen Gast wie du.

Hamlet Wessen Grab ist da, Mensch?
Erster Totengräber Mein’s, Herr! Nicht das meines Kameraden und, o, ein Loch von Lehm steht an so einem Gast wie du!
Nach »Hamlet«, Akt 5, Szene 1, von William Shakespeare (1564–1616)

Gustav Mahler
Wohin ich geh’?

Wohin ich geh’?
Ich geh, ich wandre in die Berge.
Ich suche Ruhe für mein einsam Herz.
Hans Bethge, nach Wang Wie

Carl Loewe
Tod und Tödin

Wer ist so spät noch fleißig wach?
und schlägt und plätschert laut im Bach?
Sterbhemden wäscht die Tödin dort,
und pocht und dreht und bleichet fort.

Die Nacht ist schön, voll Mondenschein,
heut mags nicht schwer zu sterben sein.
Die Tödin rührt sich ohne Ruh’n,
als gäb’s noch viel für sie zu tun.

Sie ist ein schönes blasses Weib,
nur fast zu zart der schlanke Leib;
das Aug ist ernst und traurig schön!
Hat viele brechend wohl gesehn.

Doch nie hat’s, wie’s noch nie gelacht,
je eine Träne feucht gemacht.
Die ist so spät noch fleißig wach,
und schlägt und plätschert laut im Bach.

Sterbhemden wäscht die Tödin dort,
und pocht und dreht und bleichet fort.
Da schaut der Tod aus seinem Haus
im Freithofgrün, und ruft heraus:

»Du frommes Weib, bist du bereit?
Nun hab ich Ruh, ’s ist Schlafenszeit!«
Leis winkt sie, deckt die Linnen aus,
und schleicht dann still hinein ins Haus.

Der Tod greint sänftiglich sie an,
man sieht’s, er ist ein guter Mann.
Der Haushalt fördert Jahr für Jahr,
’s ist gar ein emsig wackres Paar.

Er streckt die Toten in den Schrein,
sie hüllt sie blank in Linnen ein.
Er scharrt sie finster tief hinab,
doch sie pflanzt Blumen auf dem Grab.
Adolf Ritter von Tschabuschnigg (1809–1877)

Richard Strauss
Morgen!

Und morgen wird die Sonne wieder scheinen
und auf dem Wege, den ich gehen werde,
wird uns, die Glücklichen, sie wieder einen
inmitten dieser sonnenatmenden Erde …
und zu dem Strand, dem weiten, wogenblauen,
werden wir still und langsam niedersteigen,
stumm werden wir uns in die Augen schauen,
und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen …
Aus »Das starke Jahr« von John Henry Mackay (1864–1933)

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