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Bedenke, meine Seele

Samstag, 07.03.2020
München, Prinzregententheater

 

Abonnementkonzert 5
Konzerteinführung im Gartensaal: 19 Uhr
Zu Gast: Klaas Stok, Moderation: Antje Dörfner
Konzertbeginn: 20 Uhr

Orlando di Lasso
Bußpsalmen

(Psalmi Davidis poenitentiales) zu zwei bis sechs Stimmen

Primus psalmus poenitentialis
„Domine, ne in furore – Miserere mei“, LV 794

Secundus psalmus poenitentialis
„Beati quorum remissae sunt“, LV 795

Septimus psalmus poenitentialis
„Domine, exaudi orationem meam“, LV 800

– PAUSE –

Alfred Schnittke
Zwölf Bußverse

für Chor a cappella

I. „Adam saß weinend vor den Toren des Paradieses“
II. „Nimm mich auf, o Wüste“
III. „Darum lebe ich in Armut“
IV. „Meine Seele, warum verharrst du in Gottlosigkeit?“
V. „O verdammte und armselige Menschengestalt“
VI. „Als sie das Schiff anlegen sahen“
VII. „Meine Seele, warum fürchtest du dich nicht?“
VIII. „Wenn du die unendliche Trauer bezwingen willst“
IX. „Rückblickend auf mein tristes Leben“
X. „Begegnet euch, christliches Volk!“
XI. „Ganz nackt bin ich in dieses elende Leben gelangt“
XII. (Vokalise)

Chor des Bayerischen Rundfunks

mit Solisten

Klaas Stok

Leitung

WERKEINFÜHRUNG Lasso, Bußpsalmen

Ein glorreicher Sonderweg
Lassos Vertonung der „Bußpsalmen“ für Herzog Albrecht V.
Von Christian Thomas Leitmeir

Orlando di Lasso: * 1532 in Mons (Grafschaft Hennegau, heute Belgien), † 14. Juni 1594 in München. Bußpsalmen („Psalmi Davidis poenitentiales“) zu zwei bis sechs Stimmen: Entstehungszeit um 1560, Erstdruck: 1584 bei Adam Berg in München

Im 16. Jahrhundert oblag es Komponisten für gewöhnlich, Einzelwerke überschaubarer Länge für Gottesdienste oder andere Gelegenheiten zu verfassen. Lasso machte in diesem Fall keine Ausnahme, wenn auch die Gattungsvielfalt und Größenordnung seines Œuvres ihresgleichen sucht. Mit weit über 500 Motetten (im Vergleich zu knapp 300 seines Zeitgenossen Palestrina), 175 italienischen Madrigalen, 150 französischen Chansons, 90 deutschen Liedern, 74 Messordinarien und 110 Magnificat-Vertonungen, ganz abgesehen von einem reichen Korpus an liturgischer Gebrauchsmusik, nimmt er zu Recht den Rang eines internationalen, von Zeitgenossen als „princeps musicae“ gefeierten Superstars ein.

In einem Punkt freilich unterscheidet sich Lasso grundsätzlich von seinen Kollegen. Wie kein anderer verspürte er den Drang, die kleinen Formen hinter sich zu lassen und einen großen Wurf zu wagen. Die Anstellungssicherheit am Münchner Hof, dessen Kapelle Lasso seit 1556 angehörte und die er (mit der endgültigen Pensionierung seines Vorgängers Ludwig Daser) seit 1563 auch leitete, boten ihm Freiraum zu ausgedehnten Zyklen, von den chromatisch gesetzten „Prophetiae Sibyllarum“ der Anfangszeit bis hin zu den erst posthum erschienenen „Lagrime di San Pietro“, dem Opus ultimum des Meisters. Die Vertonung der sieben „Bußpsalmen“ samt einer abschließenden Trias von „Laudate-Psalmen“ stellt sogar diese Zyklen noch in den Schatten. Mit einem Umfang von nahezu 3000 Takten und einer geschätzten Gesamtaufführungsdauer von etwa zwei Stunden ragt dieser Koloss in luftige Höhen, die erst wieder von den abendfüllenden Opern des Folgejahrhunderts erreicht werden sollten.

Was trieb Lasso zu einem derart monumentalen Projekt? Den Anstoß erhielt er gegen 1558 von seinem Dienstherrn, Herzog Albrecht V. von Bayern. Schon bald nach seinem Regierungsantritt im März 1550 verfolgte Albrecht den hochstrebenden Plan, sein Herzogtum wenn schon nicht politisch, doch wenigstens symbolisch auf Augenhöhe mit den bedeutendsten Herrschern Europas zu heben. Kunst und Kultur waren prädestiniert dazu, diesen Anspruch nach außen wie innen hin zu untermauern. Albrecht verlieh seiner Residenz architektonisch ein neues Gesicht, indem er die Neuveste um einen repräsentativen Prunksaal, den Georgssaal, erweiterte. Seine Schatz- und Kunstkammer, die ursprünglich im Marstallgebäude (dem heutigen Landesamt für Denkmalpflege) untergebracht waren, wurden nach Erwerb einer bedeutenden Antikensammlung ins neu erbaute Antiquarium überführt, den seinerzeit größten Profanbau nördlich der Alpen. Ankäufe der Büchersammlungen von Gelehrten wie Johann Albrecht Widmanstetter und Hans Jakob Fugger legten den Grundstock zu einer renommierten Hofbibliothek, aus der die Bayerische Staatsbibliothek hervorging. Die Hofkapelle erhielt durch zahlreiche Neuverpflichtungen, darunter auch Orlando di Lasso, und enge Kontakte mit internationalen Berühmtheiten wie Cipriano de Rore oder Andrea Gabrieli neuen Aufschwung; unter Lassos Ägide avancierte sie zu den europäischen Spitzenensembles. Eine derart brachiale Kulturpolitik erforderte freilich erhebliche Investitionen. Immer wieder stand Albrechts verschwenderische Haushaltung im Kreuzfeuer der Kritik. Dies brachte ihn aber nicht davon ab, zusätzliche Gelder durch erhöhte Abgaben und ein rasant wachsendes Schuldenkonto von einer halben Million Gulden dafür zu beschaffen.

Als Albrecht V. Lasso mit der Vertonung der „Bußpsalmen“ beauftragte, stand dies im Zeichen eines „multimedialen“ Gesamtkunstwerks, das alle zuvor entstandenen Prachtkodizes in den Schatten stellte. Lassos Kompositionen wurden nicht nur, wie bei der liturgischen Aufführung von mehrstimmiger Musik üblich, in schweren Folianten so niedergeschrieben, dass alle Chorsänger vom selben Buchaufschlag musizieren konnten. Die Noten waren obendrein auf jeder einzelnen Seite von unzähligen bildlichen und ornamentalen Darstellungen umgeben, die der Münchner Maler Hans Mielich und seine Werkstatt schufen. Weil ein einziges Chorbuch die Fülle der Musik und Bilder nicht aufnehmen konnte, wurden sie auf zwei, von einer Person kaum anzuhebende Riesenfolianten verteilt.

Die Sujets der einzelnen Bilder verzeichnet ein weiteres Paar von Kommentarbänden („Declarationes“), für das wenigstens in der Anfangsphase der Humanist Samuel Quiccheberg verantwortlich zeichnete. Die vier Bücher wurden aufs Kostbarste mit Schmiedearbeiten und Emaillierungen versehen. Der materielle Wert der „Bußpsalmen“-Kodizes wurde von ihrer Einmaligkeit noch überboten: Nie zuvor hatten ein Komponist, ein bildender Künstler und ein humanistischer Literat eine Lesart der Bußpsalmen geschaffen und dabei ihre künstlerischen Medien von Musik, Bild und Text derart intensiv zu einer neuen, höheren Einheit verschmolzen. Dass sich dieses multimediale Werk einzig und allein in den vier Prachtbänden manifestierte, unterstrich Albrecht V. mit seinem Verbot, den Inhalt der Bände außerhalb des Hofes zu verbreiten. Lassos Vertonungen erschienen erst fünf Jahre nach dem Tod des Herzogs erstmals im Druck. Als Kleinod der herzöglichen Schatz- und Wunderkammer erregte es umso mehr die Bewunderung der kunstliebenden Welt. Besucher am Münchner Hof konnten sich glücklich schätzen, wenn ihnen der Herzog Einblick in die Bände gewährte und gar Ausschnitte daraus von seiner Hofkapelle vorsingen ließ.

Lange Zeit wurde von einer sukzessiven Entstehung der „Bußpsalmen“-Kodizes ausgegangen. Demnach hätte Lasso 1558 zuerst, völlig unabhängig von seinen Mitstreitern, die Psalmtexte vertont. Dann tüftelten Quiccheberg und andere das ikonographische Programm aus, bevor durch Notenschreiber Jean Pollet und den Illuminator Hans Mielich Musik und Bild im Buch zusammengeführt wurden. Bei eingehender Untersuchung der Bände und der darin enthaltenen Musik offenbart sich aber, dass die einzelnen Akteure ihre Arbeit sorgfältig aufeinander abstimmten. Von seiner üblichen Kompositionspraxis abweichend, vertonte Lasso nicht „am Text entlang“, indem er wichtige Passagen oder Stichworte in musikalische Gesten und Figuren umsetzte. Solche Formen der Wortausdeutung, für die Lasso berühmt, wenn nicht gar (wegen seines bisweilen frechen Humors) berüchtigt war, findet man in den „Bußpsalmen“ kaum. Entgegen seiner Neigung erlegte sich Lasso vielmehr eine Schreibart auf, die den Textvortrag ohne Umschweife vorantrieb – ein Gestus, der erst wieder in den jesuitisch inspirierten Werken der 1580er Jahre in den Vordergrund rückte. Im Fall der „Bußpsalmen“ war das deklamatorische Verfahren allerdings anders motiviert: Um ausreichend Raum für die bildliche Ausgestaltung zu lassen, mühte sich Lasso peinlichst darum, seine Vertonungen in den vom Layout vorgegebenen Rahmen einzupassen. Das war leichter gesagt als getan: Denn in ihrer lateinischen Übersetzung wiesen die Verse des Psalters samt der abschließenden Doxologie („Gloria Patri“) eine erheblich divergierende Länge auf. Im ersten „Bußpsalm“ allein reicht das Spektrum von 8 (Vers 3b) bis 21 Silben (Vers 10a). Lassos Vertonung dagegen orientierte sich an einer Richtschnur von etwa 13 Takten (mit einer Standardabweichung von 2 Takten) pro Halbvers (sofern alle fünf Stimmen am Geschehen beteiligt sind). Obwohl diese Vorgabe eigentlich nur für das Layout relevant war, stellt sich auch beim Hören ein ebenmäßiger Eindruck ein, weil die einzelnen Psalmverse in Vielfachen von 13 Takten dimensioniert sind.

Wenn Lasso sich schon bei textausdeutenden Figuren zurückhalten musste, so versuchte er wenigstens, dem Zyklus eine einheitliche musikalische Gestalt zu verleihen. Den sieben „Bußpsalmen“ fügte er eine bereits existierende Psalmmotette hinzu, die aus den Laudate-Psalmen 148 und 150 zusammengesetzt war. Weil diese im Achten Kirchenton gehalten war, lag es nahe, dem gesamten Zyklus einen Aufstieg durch die acht Modi des althergebrachten kirchlichen Tonsystems zu unterlegen. Dies bot einen festen Rahmen, um dem Auseinanderfallen des Werks in eine schier endlose Reihung für sich stehender Psalmverse entgegenzuwirken.

Darüber hinaus schuf Lasso ein weitverzweigtes Netzwerk musikalischer Motive, die in Kombination mit bestimmten Schlüsselworten auftreten. Wann immer die Bitte „Miserere mei“ formuliert ist, evozierte Lasso – im ersten „Bußpsalm“ sogar durch eine schlitzohrige Beinahe-Vermeidung – das berühmte Ostinato von Josquins Vertonung des vierten „Bußpsalms“ mit seiner einprägsamen halbtönigen Wendung. Die den gesamten Zyklus durchziehende Anrufung „Domine“ („Herr“) setzt Lasso ebenfalls durch einen prägnanten musikalischen Gestus um: Bei allen 27 Erwähnungen erklingt der für den Hörer gut wiedererkennbare punktierte Rhythmus auf gleichbleibender Tonhöhe, der vor Lasso erstaunlich selten zur Anwendung kam. In geradezu leitmotivischer Weise stiftet die textgebundene Wiederkehr solcher musikalischer Gestalten einen tieferen Zusammenhang über die einzelnen Verse und sogar Psalmen hinweg.

Somit war es nicht nur eine lästige Bußarbeit, wenn Lasso – in einem in der Musikgeschichte bis dahin einzigartigen Vorgang – seine „Bußpsalmen“ im Hinblick auf eine spezifische Präsentationsform in einem konkreten Buch zuschneiden musste. Die äußerlichen Zwänge spornten ihn vielmehr dazu an, innovative kompositorische Bahnen zu beschreiten. Wären Lassos „Bußpsalmen“ nicht Herzog Albrecht V. vorbehalten gewesen, hätten sie gewiss Schule gemacht.

Lasso und die Musica reservata
Kunst für Kenner und Eingeweihte

Als Musica reservata wird für gewöhnlich experimentelle Musik des 16. Jahrhunderts bezeichnet, die auf einen exklusiven Kreis von Hörern beschränkt war. Etliche von Lassos frühen Motetten wie „Alma Nemes“ und Werke der Münchner Zeit, darunter die „Prophetiae Sibyllarum“ oder die weniger bekannte „Missa cantorum“, richteten sich mit ihrer esoterischen Chromatik an Musikexperten. Die für Albrecht V. geschriebenen Bußpsalmen hingegen mögen als Musica reservata gelten, weil der Herzog sich das alleinige Besitz- und Nutzungsrecht vorbehalten hatte.
Dieser landläufigen Doppelbedeutung von Musica reservata stellen die Erläuterungen (Declarationes) zu den Münchner „Bußpsalmen“-Kodizes eine überraschende Alternativdefinition entgegen. Dort schrieb Samuel Quiccheberg mit ausdrücklichem Bezug auf Lasso: „Er drückte sie [die Bußpsalmen] so passend mit trauernder und klagender Stimme aus, wobei er, wo nötig, seinen Satz an die Dinge und Worte anpasste, die Kraft der einzelnen Affekte ausdrückte und die Sache, als sei sie geschehen, vor Augen führte, so dass man nicht wissen kann, ob die Süße der Affekte die trauernden Stimmen mehr schmückten als die trauernden Stimmen die Süße der Affekte. Diese Art der Musik heißt MUSICA RESERVATA. Darin hat Orlando auf wunderbare Weise […] sein herausragendes Genie der Nachwelt kundgetan.“

Es ist sonderbar, dass Quiccheberg Musica reservata als musikalische Wortausdeutung bestimmt, wenn dieses Stilmittel ausgerechnet in Lassos Vertonung der „Bußpsalmen“ in den Hintergrund gedrängt wird. Womöglich hatte Quiccheberg die kompositorische Sonderstellung der „Bußpsalmen“ nicht verstanden. Oder aber er bezog sich auf die zwar seltenen, aber dafür umso wirkungsvolleren Stellen, an denen Wort und Musik im Zusammenspiel mit den Bildern Mielichs eine besonders augen- und ohrenfällige Beziehung eingehen.

Im sechsten Vers des ersten „Bußpsalms“ (Psalm 6) deuten die Bilder das Psalmwort „Laboravi in gemitu meo“ („Ich bin erschöpft vom Seufzen“) als menschliche Pein, die Gott über das Menschengeschlecht nach dem Sündenfall verhängte. Am rechten Rand des mittleren Feldes etwa sieht man, wie sich Adam bei der Feldarbeit plagt und wie Eva unter Schmerzen Kinder gebiert („labores“ bezieht sich auch auf Geburtswehen), unter denen es obendrein zu Mord- und Totschlag kommt. Lasso wählt für diesen Passus eine der späteren barocken Lamentoquart vorausgreifende fallende melodische Linie. Deren unerbittliche Wiederholung bringt das Stöhnen unter der andauernden Plackerei so sinnfällig zum Ausdruck, dass es jeder Exklusivität entsagt.

WERKEINFÜHRUNG Schnittke, Bußverse

Geisterwelt im Gotteshaus
Schnittkes „Zwölf Bußverse“ – ein „unterschwellig subversiver Beitrag zur Tausendjahrfeier der Christianisierung Russlands“. Von Wolfgang Stähr

Alfred Schnittke: * 24. November 1934 in Engels bei Saratow (UdSSR), † 3. August 1998 in Hamburg.  Zwölf Bußverse für Chor a cappella: Entstehungszeit 1988 zur 1000-jährigen Christianisierung Russlands, Uraufführung: 26. Dezember 1988 an der Moskauer Universität vom Staatlichen Kammerchor der UdSSR unter der Leitung von Valery Polyansky.

Alfred Schnittke fühlte sich wie der Wanderer in Franz Schuberts gleichnamigem Lied: „Ich bin ein Fremdling überall.“ Oder er identifizierte sich mit Gustav Mahlers vielzitierter Selbstbeschreibung: „Ich bin dreifach heimatlos: als Böhme unter den Österreichern, als Österreicher unter den Deutschen und als Jude in der ganzen Welt.“ Diese fatale Formel konnte Schnittke auch seinem eigenen Schicksal zuschreiben, er konnte sie drehen und wenden, wie er wollte, mit niemals offenem Ausgang: Als Jude, Deutscher, Russe blieb er unfehlbar immer zur falschen Zeit am falschen Ort. „Ich bin in Engels, der Hauptstadt der [sowjetischen] Republik der Wolgadeutschen geboren, doch nicht wie alle Wolgadeutschen ausgesiedelt worden. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater aber Jude, obwohl er Schnittke heißt. Es ist anscheinend alles getan worden, um mir nicht die geringste Chance zu geben, Jude zu sein“, stellte Schnittke fest, nüchtern, ohne Selbstmitleid.

Schon als Kind musste er antisemitische Pöbeleien erleben, die sich paradoxerweise 1941 mit dem Kriegsbeginn in der Sowjetunion noch verschärften und nicht etwa mitfühlsam verschwanden in einem Akt der Solidarität. „Ich wurde mir meiner doppelten Fremdartigkeit als Halbdeutscher und Halbjude bewusst“, gestand Schnittke in Erinnerung an diese Zeit. Aber nach Israel auszuwandern kam für ihn nie in Betracht. Wo war er daheim? In Russland? Oder in Deutschland, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte, bis zu seinem Tod im Jahr 1998? „Es gibt für mich auf der Erde kein Zuhause“, lautete seine bittere, aber wiederum völlig unpathetische Erkenntnis. „In Russland bin ich entweder Jude oder Deutscher. Hier in Deutschland spüre ich sofort das, was mich von den Deutschen trennt, und zwar doppelt und dreifach – weil ich aus Russland stamme, weil ich Jude bin, der seine eigene Sprache nicht beherrscht, und weil ich zwar in deutschem Gebiet, aber trotzdem in der UdSSR geboren bin, wo man mich als russischen Komponisten bezeichnet.“

Schnittkes Mutter Maria war eine Katholikin, die im Laufe ihres Lebens den Glauben verlor. Und doch – dass sie katholisch getauft war, diese Geschichte, diese „Lebensaufgabe“ wollte Schnittke annehmen und fortsetzen. Erst lange nach dem Tod seiner Mutter, mit 48 Jahren, ließ sich auch Alfred Schnittke taufen, nicht orthodox, sondern ebenfalls katholisch, in der Wiener Augustinerkirche, in der Mitte seines Lebens, nachdem er „alle Phasen des skeptischen und ironischen Verhaltens bereits durchlaufen“ hatte. Das Sakrament der Taufe erlebte er „wie eine Begegnung zwischen dem, das in mir selbst war, und dem, das außerhalb von mir existiert und sich mir nun zugewandt hatte. In diesem Moment fühlte ich, dass ich nicht in mir abgekapselt bin.“ Aber warum entschied er sich gegen die Orthodoxie? „Ein Mensch wie ich mit jüdischem Äußeren und deutschem Vor- und Nachnamen, der sich in einer russischen Kirche hätte taufen lassen, wäre bestimmt missverstanden worden. Es wäre so gewesen, als ob ich die orthodoxe Kirche um Entschuldigung bitten und mich vor ihr auf die Knie werfen würde. Ich respektiere die orthodoxe Kirche, mehr sogar als die katholische. Doch zu dieser vorgespielten Geste war ich nicht fähig.“

„Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück“, klagt der Wanderer in Schuberts Lied. Die Suche nach der Identität gleicht mitunter einem Blick durch das Fernglas auf die eigene Person. Das Bewusstsein, ohne Zuhause und Zugehörigkeit leben zu müssen, mag aber für die Komposition geistlicher Musik durchaus von Vorteil sein, vielleicht sogar eine Voraussetzung, denn auch die „musica sacra“ ist an keine Zeit und keinen Ort gebunden, sie kennt keine „bleibende Statt“, sondern sucht die zukünftige. In der Sowjetunion schienen weder die Kirche noch die Musik eine Zukunft zu haben. Dem Christentum stand der staatlich verordnete und ideologisch gestählte Atheismus entgegen (während manch vormalige kommunistische Würden- und Geheimnisträger heutzutage eine geradezu vorbildliche Frömmigkeit zur Schau tragen). Im Jahr 1988 freilich, als sich die ausgelaugte und aufgetaute Sowjetunion unaufhaltsam in Richtung eines christlich nationalistischen, russisch religiösen Zentralstaats zu wandeln begann, komponierte Schnittke ganz offiziell und unverhohlen die „Zwölf Bußverse“ für Chor a cappella, die am 26. Dezember 1988 an der Moskauer Universität vom Staatlichen Kammerchor der UdSSR unter der Leitung von Valery Polyansky uraufgeführt wurden.

Bei allem Bekenntnis waren die „Zwölf Bußverse“ gleichwohl ein unterschwellig subversiver Beitrag zur Tausendjahrfeier der Christianisierung Russlands: zum Gedenken an die legendäre Taufe des Großfürsten Wladimir, dessen Söhne Boris und Gleb, die ersten Märtyrer und Heiligen der russisch-orthodoxen Kirche, im Machtkampf um die Thronfolge von ihrem Halbbruder Swjatopolk ermordet wurden. Alfred Schnittke vertonte Gedichte namenloser Mönche aus dem 16. Jahrhundert, die im Tonfall der Klage und Selbstanklage dem biblischen Psalter und dem Buch Hiob nahestehen, aber auch der russischen Tradition des Gottesnarrentums, der drastischen Aussprache gesellschaftlicher, insbesondere kirchlicher Verfehlungen und Verfaulungen. Und indem Schnittke die Brudermordgeschichte von Boris und Gleb ins Zentrum rückte, im sechsten der „Bußverse“, dem Herzen der Finsternis, markierte er die Fallhöhe des propagierten und zelebrierten russischen Christentums – wie überhaupt die Labilität der geistlichen Überlieferung, die allzu bald in falsche Hände fiel. Aber welche sind wohl die richtigen?

„Die Gegenwart ist kein loser Zeitfetzen“, wusste Schnittke, „die Vergangenheitsaura erzeugt eine ständig präsente Geisterwelt, man ist kein beziehungsloser Barbar, sondern ein bewusster Träger einer Lebensaufgabe.“ Schnittke war geradezu beflügelt von der Überzeugung, „dass alle Zeiten koexistieren und die Möglichkeit besteht, dass diese Zeiten absolut unabhängig voneinander jederzeit in Erscheinung treten können“. Wie in seinen „Zwölf Bußversen“, die der Musikanschauung des byzantinischen Ostens folgen: als reiner Gesang, der durch kein einziges Instrument, nicht einmal die Orgel, begleitet und vermittelt werden soll. Und als ein Gesang, der ganz aus dem Wort, aus dem Geist, dem Sinn und dem Duktus des Wortes entsteht, aus der russischen Sprache, deren wandernde Akzente Schnittke in eine freie und flexible Prosodie mit ständig wechselnden Taktarten überträgt.

Nicht Individualität, sondern kultische Anonymität bestimmt den Vortrag des Chores, selbst wenn einzelne „Vorsänger“ wie ein Liturg zur Rezitation hervortreten, doch nie als Person, ausschließlich als Stimme des Gebets und der Fürbitte. Unverziert schmucklos, syllabisch und homophon, engstufig in Halb- und Ganztonschritten fortschreitend, in strikter Parallelführung oder strenger Imitation, von bordunartigen Summ- und Brummtönen der Bässe fundiert: So singt der Chor als Repräsentant der Gemeinde diese „Bußverse“, in einem beinahe zeitlos erhabenen und kompromisslos archaischen Stil. Beinahe, denn die Sünde und der Schmerz, die irdische Trunkenheit und die ewige Höllenqual, von denen der Mönchdichter spricht, verfärben und verformen die Reinheit des gottgegebenen Gesangs. Die Kirche als Ort der Sammlung und der Liturgie, das Gotteshaus, sei ein Ort der Spannungen und der Gegensätze, betonte Schnittke, ein Kampfplatz der Extreme, „eine Summe von Unruhe und Besänftigung“.

Nach dem elften Vers, der erschreckend anschaulich die Hinfälligkeit des Lebens, den Niedergang, ja die Verwesung in Tönen ausmalt, wird der letzte nur noch textlos gesungen, „bocca chiusa“, mit geschlossenem Mund, ganz wie Hiob dem Herrn antwortet: „Ich will meine Hand auf meinen Mund legen.“ Aber im tönenden Schweigen verwandelt sich der wortlose Gesang völlig unorthodox in einen „absoluten“ instrumentalen Satz, im Klang einem Streichorchester ähnlich, besiegelt mit den eingeflochtenen Tonbuchstaben des Erzkantors und Musikheiligen B-A-C-H. Auf dem D wie Deus setzt der letzte der „Bußverse“ ein und schließt auch in D-Dur (mit dem Widerhaken des Es-Vorhaltes im Tenor), das wie ein Übergang klingt, wie ein Ausblick: letzte Worte ohne Worte. „Ich glaube an eine unsichtbare, aber dennoch unbestreitbar existierende andere Realität“, bekannte Alfred Schnittke. „Und alles Merkwürdige, was mir widerfährt, scheint nur mir allein seltsam zu sein, vom Gesichtspunkt jener Realität aber lässt es sich bestimmt erklären. Im Leben gibt es unglaublich viele Dinge, die sich reimen! Eine ungeheure Menge scheinbarer Wunderlichkeiten, Parallelen.“

GESANGSTEXTE

Orlando di Lasso |  Bußpsalmen

Primus psalmus poenitentialis (Psalm 6)

Domine, ne in furore tuo arguas me, neque in ira tua corripias me. Miserere mei, Domine, quoniam infirmus sum; sana me, Domine, quoniam conturbata sunt ossa mea. Et anima mea turbata est valde; sed tu, Domine,  usquequo? Convertere, Domine, et eripe animam meam; salvum me fac propter misericordiam tuam. Quoniam non est in morte qui memor sit tui; in inferno autem quis confitebitur tibi? Laboravi in gemitu meo; lavabo per singulas noctes lectum meum; lacrymis meis stratum meum rigabo. Turbatus est a furore oculus meus; inveteravi inter omnes inimicos meos. Discedite a me omnes qui operamini iniquitatem, quoniam exaudivit Dominus vocem fletus mei. Exaudivit Dominus deprecationem meam; Dominus orationem meam suscepit. Erubescant, et conturbentur vehementer omnes inimici mei; convertantur, et erubescant valde velociter.

Gloria Patri et Filio et Spiritui sancto. Sicut erat in principio, et nunc, et semper, et in saecula saeculorum.
Amen.

Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn, und züchtige mich nicht in deinem Grimm! Sei mir gnädig, Herr, ich sieche dahin; heile mich, Herr, denn meine Glieder zerfallen! Meine Seele ist tief verstört. Du aber, Herr, wie lange säumst du noch? Herr, wende dich mir zu und errette mich, in deiner Huld bring mir Hilfe! Denn bei den Toten denkt niemand mehr an dich. Wer wird dich in der Unterwelt noch preisen? Ich bin erschöpft vom Seufzen, jede Nacht benetzen Ströme von Tränen mein Bett, ich überschwemme mein Lager mit Tränen. Mein Auge ist getrübt vor Kummer, ich bin gealtert wegen all meiner Gegner. Weicht zurück von mir, all ihr Frevler; denn der Herr hat mein lautes Weinen gehört. Gehört hat der Herr mein Flehen, der Herr nimmt mein Beten an. In Schmach und Verstörung geraten all meine Feinde, sie müssen weichen und gehen plötzlich zugrunde.

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist. Wie es war im Anfang, und jetzt und immerdar von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

Secundus psalmus poenitentialis (Psalm 32)

Beati quorum remissae sunt iniquitates, et quorum tecta sunt peccata. Beatus vir cui non imputavit Dominus peccatum, nec est in spiritu eius dolus. Quoniam tacui, inveteraverunt ossa mea, dum clamarem tota die. Quoniam die ac nocte gravata est super me manus tua, conversus sum in aerumna mea, dum configitur spina. Delictum meum cognitum tibi feci, et injustitiam meam non abscondi. Dixi: Confitebor adversum me injustitiam meam Domino; et tu remisisti  impietatem peccati mei. Pro hac orabit ad te omms sanctus in tempore opportuno. Verumtamen in diluvio aquarum multarum, ad eum non approximabunt. Tu es refugium meum a tribulatione quae circumdedit me; exsultatio mea, erue me a circumdantibus me. Intellectum tibi dabo, et instruam te in via hac, qua gradieris; firmabo super te oculos meos. Nolite fieri sicut equus et mulus, in quibus non est intellectus. In camo er freno maxillas eorum constringe, qui non approximant ad te. Multa flagella peccaroris; sperantem autem in Domino misericordia circumdabit. Laetamini in Domino, et exsultate, iusti; et gloriamini, omnes recti corde.

Gloria Patri …

Wohl dem, dessen Frevel vergeben und dessen Sünde bedeckt ist. Wohl dem Menschen, dem der Herr die Schuld nicht zur Last legt und dessen Herz keine Falschheit kennt. Solange ich es verschwieg, waren meine Glieder matt, den ganzen Tag musste ich stöhnen. Denn deine Hand lag schwer auf mir bei Tag und bei Nacht; ich bin ganz gewendet in Trübsal, während der Stachel mich durchbohrt. Da bekannte ich dir meine Sünde und verbarg nicht länger meine Schuld vor dir. Ich sagte: Ich will dem Herrn meine Frevel bekennen. Und du hast mir die Schuld vergeben. Darum soll jeder Fromme in der Not zu dir beten. Fluten hohe Wasser heran, ihn werden sie nicht erreichen. Du bist mein Schutz, bewahrst mich vor Not, die mich umgibt; du, meine Freude, entreiße mich denen, die mich umgeben. Ich unterweise dich und zeige dir den Weg, den du gehen sollst. über dir wacht mein Auge. Werdet nicht wie Ross und Maultier, die ohne Verstand sind. Mit Zaum und Zügel muss man ihr Ungestüm bändigen, sonst folgen sie dir nicht. Der Frevler leidet viele Schmerzen, doch wer dem Herrn vertraut, den wird er mit seiner Huld umgeben. Freut euch am Herrn und jauchzt, ihr Gerechten, jubelt alle, ihr Menschen mit redlichem Herzen!

Ehre sei dem Vater …

 

Septimus psalmus poenitentialis (Psalm 143)

Domine, exaudi orationem meam; auribus percipe obsecrationem meam in veritate tua; exaudi me in tua justitia. Et non intres in judicium cum servo tuo, Domine, quia non justificabitur in conspectu tuo omnis vivens. Quia persecutus est inimicus animam meam, humiliavit in terra vitam meam. Collocavit me in obscuris, sicut mortuos saeculi. Et anxiatus est super me spiritus meus; in me turbatum est cor meum. Memor fui dierum antiquorum; meditatus sum in omnibus operibus tuis, et in factis manuum tuarum meditabar. Expandi manus meas ad te; anima mea sicut terra sine aqua tibi. Velociter exaudi me, Domine; defecit spiritus meus. Non avertas faciem tuam a me, et similis ero descendentibus in lacum. Auditam fac mihi mane misericordiam tuam, quia in te speravi. Notam fac mihi viam in qua ambulem, quia ad te levavi animam meam. Eripe me de inimicis meis, Domine, ad te confugi: Doce me facere voluntatem tuam, quia Deus meus es tu. Spiritus tuus bonus deducet me in terram rectam: Propter nomen tuum, Domine, vivificabis me; in aequitate tua. Educes de tribulatione animam meam; et in misericordia tua disperdes omnes inimicos meos. Et perdes omnes qui tribulant animam meam, quoniam ego servus ruus sum.

Gloria Patri …

Herr, höre mein Gebet, vernimm mein Flehen; in deiner Treue erhöre mich, in deiner Gerechtigkeit! Geh mit deinem Knecht nicht ins Gericht; denn keiner, der lebt, ist gerecht vor dir. Der Feind verfolgt meine Seele, tritt mein Leben zu Boden. Er lässt mich in der Finsternis wohnen wie längst Verstorbene. Mein Geist verzagt in mir, mir erstarrt das Herz in der Brust. Ich denke an die vergangenen Tage, sinne nach über all deine Taten, erwäge das Werk deiner Hände. Ich breite die Hände aus (und bete) zu dir; meine Seele dürstet nach dir wie verdorrtes Land. Herr, erhöre mich bald, denn mein Geist wird müde; verbirg dein Antlitz nicht vor mir, damit ich nicht werde wie Menschen, die längst begraben sind. Lass mich deine Huld erfahren am frühen Morgen; denn ich vertraue auf dich. Zeig mir den Weg, den ich gehen soll; denn ich erhebe meine Seele zu dir. Herr, entreiß mich den Feinden! Zu dir nehme ich meine Zuflucht. Lehre mich, deinen Willen zu tun; denn du bist mein Gott. Dein guter Geist leite mich auf ebenem Pfad. Um deines Namens willen, Herr, erhalt mich am Leben, in deiner milden Gerechtigkeit. Führe mich heraus aus der Not! Vertilge in deiner Huld meine Feinde. Lass all meine Gegner, die meine Seele bedrängen, untergehen! Denn ich bin dein Knecht.

Ehre sei dem Vater …

 

Alfred Schnittke | Zwölf Bußverse

I.
Adam weinte sitzend vor den Toren des Paradieses:
„Mein Paradies, mein wunderschönes Paradies!“
Für mich warst du erschaffen,
wegen Eva warst du, Paradies, mir entzogen.
Ich habe gesündigt und das Gebot gebrochen.
Ich werde nie mehr paradiesisch gespeist sein.
Ich werde nie mehr die Stimmen der Erzengel vernehmen.
Ich habe mich versündigt, o Herr!
Vater voller Gnade, vergib mir Sündiger.

II.
Nimm mich auf, o Wüste, wie die Mutter ihr Kind,
in deinen stillen und klaglosen Schoß.
Drohe nicht, o Wüste, mit deinen Ungeheuern mir,
dem Flüchtling dieser Welt, der vor dem Teufel flieht.
O bewundernswerte Wüste, du freundlicher Eichenwald!
Ich verehre dich mehr als die Prunkgemächer
und Schatzkammern des Zaren.
Ich werde deine schönen, saftigen Wiesen
voller Blumenpracht durchstreifen
und den Atem des lauen Windes aufnehmen,
wo sich Zweige voller Laub leicht im Wind schaukeln.
Ich werde wie ein einsames wildes Tier umherstreifen
und vor dem sündigen Leben und den Menschen fliehen.
Ich werde mich weinend und jammernd
tief in deinem wilden Schoß verbergen.
O himmlischer Vater!
Du hast mich mit irdischen Gütern erquickt.
Versage mir nicht dein himmlisches Reich!

III.
Darum lebe ich in Armut,
ich besitze keinen Grund und Boden,
ich bewirtschafte keine Weinberge,
ich bin kein Seemann,
ich handle nicht mit Kaufleuten,
ich diene keinem Fürsten,
ich nütze keinem Bojaren,
ich bin ein unbrauchbarer Knecht,
ich bin nicht tauglich zum Buchgelehrten,
an die Kirche glaube ich nicht,
ich folge den Geboten meines Beichtvaters nicht,
ich erzürne damit den Herrn.
Ich bin kein Wohltäter,
ich bin ein Gesetzloser,
mit Sünde beladen.
O Herr, gib mir die Möglichkeit, vor dem Tod zu beichten.

IV.
Meine Seele, meine Seele,
warum verharrst du in Gottlosigkeit?
Durch wessen Willen angestiftet
irrst du ohne Verstand umher?
Erhebe dich, lass alles fahren
und weine jämmerlich über deinen Taten,
solange du auf deine Todesstunde wartest.
Dann ist es zu spät, Tränen zu vergießen.

Bedenke, meine Seele,
die bitteren Stunden des Jüngsten Gerichts
voller Angst und Schrecken.
Die ewigen Qualen,
die die Sündigen erwarten.
Verharre nicht in Hoffnungslosigkeit, meine Seele,
wenn du immer wieder von ganzem Herzen
Stoßgebete gen Himmel sendest.
Gnädiger, erlöse mich!

V.
O verdammte und armselige Menschengestalt,
deine Lebenszeit ist abgelaufen, das Ende naht.
Das Jüngste Gericht rüstet sich.
Wehe dir, arme Seele!
Dein Stern sinkt
und der Tag neigt sich dem Ende entgegen,
die Axt ist nahe den Wurzeln.
Seele, o Seele,
warum kümmert dich Vergängliches?
Seele, erzittere,
wenn du dich deinem Schöpfer offenbarst
und den tödlichen Becher leerst,
wenn du erschauerst vor dem stinkenden Teufel,
und vor ewigen Qualen.
O Jesus Christus,
erhöre unsere Gebete,
befreie unsere Seele.

VI.
Als sie das Schiff anlegen sahen,
riefen die beiden gütigen Brüder Boris und Gleb:
O Bruder Swjatopolk, vernichte uns nicht,
wir sind beide noch so jung!
Schneide nicht die fruchtlose Rebe.
Ernte nicht die unreife Ähre,
vergieße kein unschuldiges Blut,
bereite unserer Mutter keinen Kummer!
Übergebe uns in die russische Erde bei Wyschgorod.
Gepriesen sei unser Herr.

VII.
Meine Seele, warum bist du furchtlos
vor dem Anblick von entblößten Gebeinen der Toten?
Verstehe und schaue:
Wo ist der Fürst, wo ist der Herrscher,
wo ist der Reiche, wo ist der Arme?
Wo ist die Schönheit des Antlitzes,
wo ist die Redekunst des Weisen?
Wo sind die Hochmütigen,
wo sind die Ruhmsüchtigen?
Wo sind diejenigen, die sich mit Gold
und Perlen schmücken?
Wo ist das Begehren, wo ist Liebe?
Wo sind die Habgierigen,
und wo das wahrhaftige Gericht,
das der Lüge auf den Grund geht?
Wo ist der Herr, wo ist der Sklave?
Sind nicht alle gleich:
die Asche, die Erde und der Schmutz?

O meine Seele, warum erschauerst du nicht?
Wieso ängstigst du dich nicht vor dem Jüngsten Gericht
und den ewigen Qualen?
O arme Seele! Entsinne dich,
wie du den Worten des Zaren, dem Vergänglichen, lauschtest
und aufmerksam folgtest,
aber nicht den Geboten deines himmlischen Schöpfers.
Du kostest das Leben voll aus und sündigst dabei,
missachtest die Lehren der Heiligen Schrift und verhöhnst sie:
O meine Seele!
Klage, flehe zu Christus:
Jesus Christus, errette mich!
In Anbetung aller Heiligen erlöse mich
von den ewigen und bitteren Qualen!

VIII.
Wenn du die unendliche Trauer bezwingen willst,
beklage dich nicht über Vergänglichkeit.
Oder wenn sie dich schänden oder verjagen,
jammere nicht, sondern sei frohen Herzens.
Sei nur dann bekümmert, wenn du gesündigt hast.
Doch selbst dann nur in Maßen.
Dann gerätst du nicht in Verzweiflung
und gehst auch nicht zugrunde.

IX.
Rückblickend auf mein tristes Leben als unnützer Geistlicher
sagte ich mir: Wehe mir!
Was habe ich erreicht, wo lebe ich und was ertrage ich?

Im Kloster gibt es Mönche und untergeordnete Arbeiter.
Dazu ältere, selbstsüchtige Mönche.
Sie sind alle von Hochmut besessen und gierig nach Geld.
Sie schrecken nicht zurück vor
Bruderhass und Verrat.
Ihr Geiz und ihre Heimtücke vereint sie.
Nach außen zeigen sie sich gottesfürchtig,
doch verurteilen sie jedes noch so
kleine Vergehen der anderen.
Selber in Saus und Braus lebend,
vergönnen sie uns nicht einmal die verfaulten Reste.
Sich jederzeit mit Wein und Trank erquickend,
töricht vor Gier verschmähen sie uns.
Sie haben von allem mehr als genug.
Aber uns verweigern sie alles.
O dieser närrische Geiz!
O dieser zerstörerische Bruderhass!
Sie verstehen nicht, dass Gottes
Gaben allen zustehen!
Ihre eigenen frommen Gelübde wahren sie nicht
und sind in allem heuchlerisch.
Ihre Bäuche haben sie vollgestopft.
Gewänder haben sie im Überfluss.
Vor dem Armen prahlen sie mit ihren Besitztümern
und weiden sich daran.
Sie beleidigen die Armen und beachten sie nicht.
O himmlischer Vater, Jesus Christus, gib uns Geduld,
um ihre Kränkungen zu ertragen.
O Herr, bewahre uns vor ihrer Gnadenlosigkeit!
Errette uns, du Wohltäter!

X.
Begegnet euch, christliches Volk!
Erinnert euch an die Leiden der Märtyrer,
die im Namen Christi viele Opfer brachten,
die ihr Leben der Gefahr aussetzten,
einzig im Vertrauen auf Gott.
Vor Zaren und Fürsten haben sie sich zu Christus bekannt
und ihre Seele dem Glauben verschrieben.
So leiden auch wir heute, Freunde und Brüder,
für den orthodoxen Glauben
und für das heilige Reich,
für unseren gottgefälligen Zar
und für die ganze orthodoxe Gemeinschaft.
Widersetzen wir uns unseren Verfolgern
und schämen uns nicht unseres Glaubens!
Weichen wir nicht zurück, sondern
kämpfen wir gegen die gottlosen Gegner,
die den orthodoxen Glauben vernichten.
Seit dieser Zeit entführen sie uns,
und vergießen unser Blut.
Wir bleiben Märtyrer bis zum siegreichen Ende.
In Namen Gottes, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

XI.
Ganz nackt bin ich in dieses elende Leben gelangt,
nackt werde ich aus diesem Leben treten.
Armselige, warum schämt ihr euch dieser Nacktheit,
wissend, dass unser Leben nicht ewig währt.
Gottlose, warum seid ihr fassungslos und ängstigt euch,
das Ende sehend.
Wunderschön, wie wir schreiten als Abbilder von dir
aus der Dunkelheit in das Licht,
und aus dem Licht in die Dunkelheit.
Aus dem Mutterleib jammernd auf die Welt,
und aus der tristen Welt in das Grab.
Am Anfang und am Ende leidend.
Welche Notwendigkeit hat unser Sein?
Traum, Schlaf, Verlockung
oder die Schönheit der Existenz?
O Zauber des reichhaltigen Lebens!
Wie die Blumen zu Staub und zu Schatten zerfallen,
so geht es vorüber.

XII. (Vokalise)

DIRIGENT Klaas Stok

Klaas Stok studierte an den Konservatorien in Arnhem, Den Haag und Rotterdam Dirigieren, Orgel, Cembalo und Improvisation. Aufgrund seiner langjährigen Arbeit mit professionellen Vokalensembles zählt er zu den führenden Chordirigenten der Niederlande. Seit 2015 ist Klaas Stok Leiter des Niederländischen Rundfunkchores und bereits seit 1996 des Consensus Vocalis. Außerdem verbindet ihn seit 1993 eine intensive Zusammenarbeit mit dem Nederlands Kamerkoor. Gemeinsam gastierten sie in verschiedenen europäischen Städten und realisierten Uraufführungen u. a. von Werken von Mauricio Kagel, Gija Kantscheli und Willem Boogman. Mit dem Niederländischen Rundfunkchor tritt Klaas Stok regelmäßig im Rahmen der traditionellen NTR Samstagsmatineen im Amsterdamer Concertgebouw auf und erhielt für diese Konzerte den Concertgebouw-Preis 2017.

Als Gast namhafter Chöre im Ausland hat sich Klaas Stok einen ausgezeichneten Ruf erworben. Die mit dem SWR Vokalensemble entstandene CD-Produktion des Märchens „Des Kaisers Nachtigall“ mit Musik des lettischen Komponisten Ugis Praulins wurde mit einem Echo Klassik ausgezeichnet. Seit 2018 ist Klaas Stok Chefdirigent beim NDR Chor, mit dem er zuvor mehrfach erfolgreich zusammengearbeitet hat. Neben seiner Tätigkeit als Chorleiter tritt Klaas Stok auch regelmäßig als Organist in Erscheinung. Er gewann mehrere internationale Preise und konzertiert u. a. in Deutschland, Frankreich, Österreich und in der Schweiz. Außerdem ist er Hauptfachdozent für Chordirigieren am ArtEZ-Conservatorium Zwolle. Sein Debüt beim BR-Chor feierte er 2018 mit dem Programm „A Tribute to Leonard Bernstein“.


Der Chor des Bayerischen Rundfunks

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