Luciano Berio – »Coro« (musica viva #50)
In Luciano Berios beeindruckendem vielstimmigen Coro verschmelzen vokale und instrumentale Stimmen zur Einheit, der antike Begriff des gemeinsamen Singens spiegelt sich schon im Titel wieder und Texte und Verse der Hoffnung und Zuversicht aus allen Kulturen sowie von Pablo Neruda vereinen sich zu einem epochalen und zeitlosen Meisterwerk der Moderne.
Eine Live-Aufnahme mit Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Sir Simon Rattle.
Ausgezeichnet mit dem »Millésime« (Record of the Year 2025) von Crescendo
Luciano Berio
Coro
Chor des Bayerischen Rundfunks
Peter Dijkstra Choreinstudierung
Max Hanft Assistenz zur Choreinstudierung
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Sir Simon Rattle Leitung
Vito Žuraj
Automatones I–VII
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Sir Simon Rattle Leitung
CD, BR-KLASSIK 900650
Booklet: in Deutsch / in Englisch
CD-Jewelcase mit O-Card
Total Time: 76’55
Live-Aufnahmen: München, Herkulessaal der Residenz, 13. Oktober 2023
Die Dirigentenlaufbahn von Sir Simon Rattle stand von Beginn an für Aufbruch und Erneuerung – und auch die Musik der Gegenwart in all ihren Facetten spielt dabei bis heute eine große Rolle. So war es nur folgerichtig, dass er sich nach seinem Amtsantritt als Chefdirigent von BR-Chor und BRSO auch einem Konzert der musica viva widmete.
Auf dem Programm stand neben der Uraufführung von Vito Žurajs Automatones das Chorwerk Coro von Luciano Berio – ein Werk, das Rattle bereits wiederholt dirigierte, ohne es auf Tonträger zu veröffentlichen. Grund dafür sind die hohen Ansprüche der Komposition an die Aufnahmetechnik, denn Chorsänger und Orchestermusiker sind paarweise gemischt als kollektiver musikalischer Organismus auf dem Podium platziert, um die Trennung von Chor- und Orchesterstimmen optisch wie klanglich zu überwinden. Auch für das Aufnahmeteam des Bayerischen Rundfunks stellte dies Herausforderungen dar, die sie freilich hervorragend zu überwinden vermochten – wie das Hörerlebnis der neuen CD von BR-KLASSIK bestätigt.
In Luciano Berios Coro für vierzig Stimmen und Orchester, entstanden zwischen 1975 und 1977, treffen anonyme Volksdichtungen u. a. der Sioux, Navajo und Zuni, Liedtexte aus Polynesien, Peru, Kroatien, Venedig, dem Piemont und Chile sowie aus dem Hohelied Salomos, die den zutiefst menschlichen Drang nach Freiheit widerspiegeln, auf die bewegende Lyrik Pablo Nerudas, dessen Tod mit der blutigen Niederschlagung der chilenischen Allende-Demokratie durch Augusto Pinochet im September 1973 zusammenfiel: »Ich dachte dabei nicht an Nationen, sondern an die Begegnung von Menschen, mit ihren jeweils eigenen Geschichten, mit ihren Leidenschaften und ihrer zerstörten Heimat.« (Berio) Das Ergebnis ist ein brillant komponiertes Bekenntniswerk in »tragischer Stimmung« (Berio), das auch heute nichts von seiner Aktualität verloren hat.
Das im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks entstandene Werk erlebte seine Uraufführung im Oktober 1976 bei den Donaueschinger Musiktagen.
Auf dem Programm des live mitgeschnittenen Konzerts vom 13. Oktober 2023 aus der Isarphilharmonie im Gasteig HP8 stand außerdem die Uraufführung von Automatones für großes Orchester, einem neuen Werk des slowenischen Komponisten Vito Žuraj (*1979), geschrieben im Auftrag der musica viva. Das 2022/23 geschaffene Orchesterwerk thematisiert die mythologischen »Automatones« – »Metallstatuen von Tieren, Menschen und Monstern, die vom göttlichen Schmied Hephaistos und dem athenischen Handwerker Dädalus hergestellt wurden. Als Herakles die Werkstatt besuchte, zerschmetterte er eine der Statuen, da er irrtümlich glaubte, von einer echten Person angegriffen worden zu sein. Für den Komponisten sind sie »ein Urgestein der künstlichen Intelligenz, ein Thema, dass nun die Welt prägt wie nie zuvor. Dies regte mich zur Klangforschung über Illusionen von den scheinbar unendlich andauernden aufsteigenden Tonfolgen bzw. rhythmischen Beschleunigungen an, wie auch allgemein zur Verwendung von unterschiedlichen Arten der Motorik.«