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Happy birthday, Lenny!

Leonard Bernstein (akg / picture alliance / Atelier Fleckenstein)

Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein

„Er ist mein Lieblingschor der Welt! Sie verstehen alles. Sie können alles.“ Eine lange musikalische Liebesbeziehung erlebte im Frühjahr 1990 mit Mozarts „Ave verum“ letztmals Erfüllung in Harmonie. Wenige Monate später verstarb der Komponist, Dirigent, Weltbürger und BR-Chor-Fan Leonard Bernstein.

Zum 100. Geburtstag des großen Künstlers gestaltete der Chor am 12.5.2018 ein Programm mit Musik amerikanischer Komponisten, von Weggefährten, Freunden und „Erben“ – und mit zwei berühmten Chorwerken von Bernstein selbst.

Die musikalische Leitung des Konzerts übernahm der renommierte niederländische Dirigent und Organist Klaas Stok, der gleichzeitig sein Debüt beim BR-Chor gab.

Konzertvideo: „A Tribute to Leonard Bernstein“ | 01:22:53

Zum Gedenken an Leonard Bernstein

Gedenken an ein Glückskind
Leonard Bernstein (1918–1990) wäre in diesem Jahr 100 geworden. Von Uta Sailer

Lenny war sich sicher: So viel Glück wie er hatte eigentlich keiner. Hätte er je eine Kontaktanzeige aufgegeben, hätten seine Vorzüge wohl eine ganze Zeitungsseite eingenommen: Musikalisch hochbegabt, gebildet, erfolgreich als Dirigent, Komponist, Pianist, Fernsehmoderator, Musikpädagoge, Autor, Chef der New Yorker Philharmoniker, charmant, humorvoll, gut aussehend, bestens situiert, herzlich, optimistisch, politisch interessiert, sozial engagiert, kinderliebend, sportlich …

Er hatte es nicht nötig, denn die Welt lag ihm ohnehin zu Füßen. Musiker, das Publikum, seine Frau – die chilenisch-stämmige Schauspielerin Felicia Montealegre – und die vielen jungen Männer, mit denen Bernstein seine Homosexualität auslebte.

LENNY, DER KRACHER

Lauscht man heute einem seiner vielen Livemitschnitte, dann hört man unter Umständen auch seine Füße. Lenny war heißblütig, ein wildes Tier, das die Musik nicht kontrollierte, sondern sich in ihr verzehrte. Er warf sich mit all seiner geistigen und physischen Präsenz in die Klänge hinein und gelegentlich auch in die Höhe hinauf. Beispielsweise, wenn er auf dem Höhepunkt der Musik zum „Lenny Leap“ ansetzte – einem Sprung, bei dessen Landung es auch mal ordentlich krachte. Es soll Orchester gegeben haben, die eine Matratze organisierten, wenn Leonard Bernstein als Dirigent eingeladen war: für eine weiche Landung, mehr noch für eine Aufnahme ohne Störgeräusche.

LENNY FÜR ALLE

In Bayern war Bernstein mehrfach zu Gast. Von einem seiner Besuche beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist überliefert, wie er nach dem Konzert in der Garderobe sitzt, sich seinen verschwitzten Pullover vom Leib reißt, die roten Hosenträger herunterklappt und sich rauchend von Schauspielerin Maria Schell massieren lässt. Dies alles bei offener Garderobentür. Distanz war für Bernstein ein Fremdwort. Seine Tochter Nina erinnert sich: „Sein Bedürfnis, sich der Welt mitzuteilen und sich mit anderen zu verbinden, war die treibende Kraft seines Lebens.“

LENNY KÜSST

Damit hatte Michael Jackson wohl nicht gerechnet. Als der 28-jährige Popstar ein Konzert mit Leonard Bernstein erlebt und ihn hinterher in der Garderobe aufsucht, wird er mehr als herzlich willkommen geheißen: Lenny breitet begeistert seine Arme aus, packt Jackson, wirft ihn in die Luft und küsst ihn auf den Mund. Schmatz! Überhaupt hatte Bernstein das Küssen gern. Es heißt, er habe auch Orchestermusikerinnen und -musiker mit innigen Umarmungen und Küssen begrüßt. An der Wiener Staatsoper setzte er ihn dann auch noch als Dirigiergeste ein – er soll Einsätze mit Handküssen gegeben haben.

LENNY, DER WELTVERBESSERER

„A star was born“ – das sind die legendären Worte eines Geigers aus dem New York Philharmonic, nach jenem Konzert, das Bernstein zum Star machte. Es war der 14. November 1943, als er superspontan für den erkrankten Bruno Walter einspringt und nach einer durchzechten Nacht ohne eine einzige Probe die Werke des Abends, die er zuvor noch nie dirigiert hatte, so präsentiert, dass das Publikum in der Carnegie Hall außer sich ist. „Wie ein einziges, großes Tier“ habe das Publikum gebrüllt, so Lennys Bruder Burton. Aber es genügte Leonard Bernstein nicht, ein Weltstar zu sein. Er wollte diese Welt auch verbessern. So engagierte er sich beispielweise für Amnesty International, gegen Atomwaffen, für Abrüstung. Das Israel Philharmonic Orchestra dirigierte er mehrfach ohne Gage. Er betrieb Wahlkampf für die Demokraten in den USA und zählte die Kennedy-Familie, aber auch Helmut Schmidt zu seinen Freunden.

Was er tat, war ein Statement. Als er mit den Wiener Philharmonikern ein Konzert in Ostberlin leiten sollte und erfuhr, dass viele junge Menschen keine Karten erhalten hatten, machte er die Generalprobe kurzerhand öffentlich und spielte vor eben diesen jungen Leuten – so lange, wie es ihm gefiel. Draußen vor der Tür warteten die „Offiziellen“ auf ihr Konzert. Die Riege der Mächtigen war zur Warteschlange geworden.

LENNY, DER MUSIKVERMITTLER

Überhaupt hatten es ihm die jungen Leute angetan. Und wieder war Lenny zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn die New Yorker Philharmoniker hatten seit 1924 die ersten Kinderkonzerte weltweit veranstaltet – die Young People’s Concerts. Als sie Leonard Bernstein im Jahr 1958 übernahm, hob das Projekt ab in galaktische Höhen. Das musste ins Fernsehen! Alle Konzerte wurden von nun an live übertragen und Bernstein war der erste Medienstar als Musikvermittler. „Kinder sollten den Musikunterricht genauso selbstverständlich bekommen wie ihre Nahrung, ihn mit genauso viel Freude erleben wie ein Ballspiel.“ Lenny konnte das mit links – lässig und leidenschaftlich über Musik sprechen und mit seinem lodernden, inneren Feuer andere entfachen. Ein Welterfolg! Zehn Millionen Menschen erreichten diese Konzerte, die bis 1973 liefen.

LENNYS GROSSE LIEBE: DER BR-CHOR

Er hatte viele, die er liebte. Doch in der Chorszene gab es einen klaren Favoriten: den Chor des Bayerischen Rundfunks. Nach einer Probe bekannte er: „Es ist mein Lieblingschor auf der Welt. Sie machen alles, was ich im Kopf habe. Ich muss nur daran denken, und sie machen es. Sie verstehen alles. Sie können alles.“

Es war das Jahr 1981, in dem Bernstein erstmals beim BR-Chor gastierte – mit dem ersten Aufzug aus Wagners Tristan. Später folgten Konzerte mit Musik von Joseph Haydn und 1988 dann das Mozart-Requiem. Altistin Gabriele Weinfurter, seit 1983 im BR-Chor, erinnert sich, dass Bernstein dieses Konzert seiner Frau gewidmet hatte, die mit nur 56 Jahren an Krebs verstorben war. „Jeder hatte hier wohl eine Gänsehaut. Konzerte mit Bernstein waren immer extrem emotional. Er hatte eine unglaubliche Suggestivwirkung, weil er so authentisch war und überhaupt keine Hemmungen verspürte, sein Innenleben nach außen zu stülpen.“

Eine historisch bedeutsame Stunde war dann 1989 der Auftritt Bernsteins in Berlin mit Beethovens Neunter Symphonie eineinhalb Monate nach dem Mauerfall. Bernstein leitete BR-Chor und -Symphonieorchester, ergänzt durch Musiker anderer Ensembles aus Ost und West. Extra Hinhörer: Lenny, der Freiheitsliebende textete Schiller kurzerhand um. „Freiheit schöner Götterfunken!“

Das letzte Zusammensein mit seinem heiß geliebten BR-Chor fand 1990 in der Stiftsbasilika Waldsassen und im Münchner Herkulessaal der Residenz statt. Auf dem Programm: „Mozarts Ave verum“. Sein ganz persönlicher Abschied vom Chor. Und für Lorenz Fehenberger, seit Dezember 1988 Chormitglied, eine Sternstunde seiner Musikerlaufbahn. Denn dort sagte ihm Lenny: „You are my tenorito favorito.“

Lenny, der Menschenfreund. Lenny, der Musikliebende. Lenny, der Weltumarmer. Happy birthday zum Hundertsten! Lenny bleibt unvergesslich!

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