StartseiteHome Arvo Pärt – Würdigung zum 85. Geburtstag

„Die Wahrheit ist sehr einfach“

Zum 85. Geburtstag von Arvo Pärt. Eine Würdigung von Judith Werner

Arvo Pärts Musik entsteht aus der Stille heraus – einer Stille, in der der Mensch zu seinem Wesentlichen findet. „Man muss damit anfangen, nicht mit der Musik“, sagt Pärt. „Man muss die Seele reinigen, bis sie zu klingen beginnt.“ Auch in seiner Musik konzentriert sich Pärt auf das Wesentliche und scheint dadurch auf spirituelle Urgründe zu deuten. Doch diese reduzierte Sprache steht am Ende einer langen Suche.

Auf der Suche

Arvo Pärt wird 1935 in der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik geboren. Er lernt verschiedene Instrumente und studiert schließlich Komposition, zunächst bei Veljo Tormis, später bei Heino Eller. Nach dem Studium arbeitet er als Tonmeister beim Estnischen Rundfunk, schreibt für dessen Kinderensemble und später auch für ein Puppentheater. Pärt ist von Anfang an Avantgardist, er sucht seine eigene Sprache vor allem in den systematischen Kompositionsstrukturen der westlichen Strömungen: Zwölftonmusik, Serialismus und Collagetechniken dominieren die frühen Kompositionen und Entwicklungsrichtungen.

Das Jahr 1968 markiert für Pärt einen Wendepunkt: Die Uraufführung von Credo, seinem entschiedenen Bekenntnis zum christlichen Glauben in der säkularen Sowjetunion, wird zu einem Skandal. Kurz darauf brechen die offiziellen Kompositionsaufträge weg. Doch Credo bedeutete auch eine kreative Zäsur: Die Collagetechnik des Stücks, das Zitate aus Bachs Wohltemperiertem Klavier mit Pärts Dodekaphonie kombiniert, führt ihn in eine Sackgasse, in der er sich seiner Sprachlosigkeit bewusst wird.

Zusammen mit seiner Frau Nora zieht Pärt sich in eine intensive Phase der Sinn- und Sprachsuche zurück, studiert Gregorianik und Alte Musik.

Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, schreibt er Musik für Dokumentationen, Spiel- und Animationsfilme. 1972 tritt er wenige Monate nach seiner Frau in die orthodoxe Kirche ein. „Wir wussten beide nicht, in welcher Richtung wir suchen sollten“, erinnert sie sich an diese Zeit. „Natur, Wald, Vögel, Glocken … Für Arvo spielte die Möwe eine wichtige Rolle. Ihn interessierte die Linie aus der Kraft ihres Flugs. Woher haben sie so viel Kraft? Vielleicht steckt sie in diesen Linien.“ Klar ist: Pärt sucht weiterhin nach einer Struktur, nach einem System, das einen kreativen Raum mehr öffnet, als ihn zu schließen. „Die erste Phase war sehr streng“, erläutert Nora Pärt. „Es war Arvo sehr wichtig, sich selbst ein System, Regeln und Disziplin zu geben. Mit der Zeit hatte Arvo mehr und mehr Freiheit.“ Und sie fügt hinzu: „Ohne Disziplin ist Freiheit sehr gefährlich“, was Arvo noch bekräftigt: „Sie müssen zusammenarbeiten.“ Das Ergebnis dieser Zeit ist Tintinnabuli, eine hochstrukturierte Kompositionstechnik, in der Pärt seinen Ausdrucksfreiraum findet. Das gleichzeitig zarte wie gewaltige Klavierstück Für Alina von 1976 wird sein erstes Werk in der neuen Technik und der Beginn einer eigenen Sprache.

Aufstrebende Jahre

In den beiden folgenden Jahren entstehen Fratres, Summa, Tabula rasa und Spiegel im Spiegel, vier seiner heute berühmtesten Werke. Den Auftrag zum Tabula rasa-Doppelkonzert gibt ihm 1977 ein befreundeter Dirigent, es soll in einem Konzert das Concerto grosso Nr. 1 von Alfred Schnittke ergänzen. Mit den Violinisten Gidon Kremer und Tatjana Grindenko sowie mit Schnittke am präparierten Klavier wird die Uraufführung in Talinn zum vollen Erfolg und Tabula rasa zu Pärts internationalem Durchbruch.

Doch in der Sowjetunion kippt die Stimmung: Mit seiner geistlichen Musik und westlichen Orientierung entwickelt sich Pärt vom Ehrenkomponisten zur Persona non grata. 1980 wird ihm „empfohlen“, das Land zu verlassen. Die Familie emigriert erst nach Wien, ein Jahr später mit einem Stipendium nach Berlin – wo sie fast dreißig Jahre bleiben sollte. In dieser unruhigen Zeit schreibt der bislang nur in Kennerkreisen bekannte Pärt an einer Komposition, einem Auftrag vom Bayerischen Rundfunk: Unter dem damaligen Künstlerischen Leiter Gordon Kember kommt Passio Domini nostri Jesu Christi secundum Joannem 1982 in der Münchner Lukaskirche zur Uraufführung. Noch ruft Pärts Stil Irritation hervor, doch sieben Jahre später in Zürich werden die Menschen bereits Schlange stehen, um das Werk zu hören.

Welterfolge

Die folgenden Jahrzehnte halten viele Erfolge bereit: Pärt erhält Aufträge zum Stabat mater (1985/2008), Te Deum (1985) und Miserere (1989), zur Berliner Messe (1991), zu Silouan’s Song (1991), Litany (1994) und Dopo la vittoria (1997). Vollends begeistert von Tabula rasa gründet das Münchner Jazz-Label ECM extra für Pärt eine neue Reihe: 1984 erscheint die erste CD, bald folgen weitere Aufnahmen, in denen sich eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Geiger Gidon Kremer sowie dem Chordirigenten und Musikwissenschaftler Paul Hillier und seinem Hilliard Ensemble entwickelt.

„Das sensibelste Musikinstrument ist die menschliche Seele, gleich danach kommt die menschliche Stimme“, schreibt Pärt, und so erklärt sich – wie bei vielen spirituell orientierten Komponisten – sein Fokus auf die Vokalmusik. Auch der BR-Chor begeistert sich für Pärts Werke, eine Verbindung, die sich in den letzten Jahren noch intensivierte: So erklingt Pärts Musik regelmäßig in den Konzerten und auf mehreren Alben. Sein 80. Geburtstag im Jahr 2015 wurde mit der CD Te Deum – laut Pärt ein wahres „Geschenk“ – und dem Sonderkonzert „Musica Baltica“ gefeiert. Einen Höhepunkt bildete 2019 schließlich die gemeinsame Probenarbeit bei den Salzburger Festspielen.

Für sein außerordentliches musikalisches und theoretisches Schaffen hat Arvo Pärt diverse Ehrendoktorwürden, Preise und Orden erhalten. In demselben Jahr 2010, in dem Pärt nach Estland zurückkehrt, gründet seine Familie in einem Privathaus in den Wäldern von Laulasmaa bei Tallinn das Arvo Pärt Centre. Nach einem Architekturwettbewerb eröffnet es 2018 als ein Informations- und Musikzentrum, das auch das umfangreiche Privatarchiv des Komponisten beherbergt. Es enthält die vielen Skizzen und Gedanken, die Pärt im Laufe seines Lebens, aber vor allem in seiner suchenden Phase in den Siebzigern notiert hat.

Tintinnabuli

Pärt fand Antwort in Tintinnabuli (lat. Tintinnabulum: das Glöckchen), seiner kontrapunktischen und stark reduzierten Kompositionstechnik. Ihre Basisform bilden zwei Stimmen: Eine Melodiestimme und davon abgeleitet die Tintinnabuli-Stimme. Die Melodiestimme bewegt sich schrittweise in einer Dur- oder Mollskala, sie steuert einen Zentralton an oder führt von ihm weg. Die Tintinnabuli-Stimme bildet einen Kontrapunkt, sie fügt jedem Ton der Melodiestimme einen entsprechenden Tintinnabuli-Ton hinzu. Als Material hat sie allerdings nur einen einzigen Dreiklang zur Verfügung, quasi drei Glöckchen, von denen jeweils eines angeschlagen werden kann. Die Regel dafür, welches, wird vorher definiert, etwa immer der unterhalb und nächstliegende Tintinnabuli-Ton.

Auch Ton- oder Phrasenlängen unterliegen bestimmten Regeln, verlängern sich beispielsweise pro Abschnitt um einen Schlag. Mit der Zeit arbeitet Pärt seine Technik weiter aus: Auch die Sprache, ihre Silben und Betonungen werden in das System integriert und definieren den Verlauf der Stimmen. Und mit den Jahren hat auch ein wenig Chromatik ihren passenden Platz in der Tintinnabulation gefunden.

Tintinnabuli ist ein komplexes Bezugssystem, das sich in einer starken Reduktion äußert. Es bringt eine Klarheit hervor, die zwar schlicht, jedoch niemals primitiv ist. „Die Wahrheit ist sehr einfach“, sagt Arvo Pärt.

„Wenn Dinge einfach und klar sind, dann sind sie auch rein. Sie sind leer; da ist Raum für alles“ – sozusagen Tabula rasa, die nackte Basis, aus der alles entstehen kann. „Wir waren alle etwas überrascht von dem leeren Notenbild“, erinnert sich Gidon Kremer an die Probe zur Uraufführung von Tabula rasa. „Es war alles so tonal und transparent. Da waren so wenige Noten.“

In ihrer Wirkung bedeutet Pärts Klarheit mal Ruhe, mal Strukturiertheit. Eine oft scheinbare Gleichmäßigkeit oder Repetition, deren Muster beim Hören jedoch kaum erfasst werden können. Und wie niemand zuvor komponiert Pärt Pausen: Momente des Nachhalls, akustisch wie innerlich, das Eintreten in einen plötzlich eröffneten Raum. Tabula rasa etwa endet in Pausentakten, aber auch innerhalb des Stücks sind Momente der Stille und Nachwirkung komponiert.

Trotz allem oder auch deswegen lassen die Werke Pärts nicht den nötigen Spannungsbogen vermissen – sofern ihn die Musiker hervorbringen können. Denn gerade die Einfachheit stellt eine große Herausforderung dar. Jede Möglichkeit zum virtuosen Blendwerk ist genommen, nur eine ehrliche, sich völlig offenbarende Interpretation erweckt die Musik zum Leben. Oft ist höchste technische Souveränität gefordert, denn jede kleinste Imperfektion reißt den Hörer aus der bedeutungsvollen Spannung heraus. Insofern muss nicht nur der Komponist, sondern auch der Interpret mit einer ruhigen, einer „gereinigten Seele“ beginnen, um der Musik gerecht werden zu können.

Pärts Einfachheit zwingt zu einer Akzeptanz der Reduktion. Wer an Musik rauschhafte Virtuosität und harmonische Komplexität liebt, der mag zunächst eher vor einer großen Leere als einem „Raum für alles“ stehen. Doch seine Musik ist keine Leichtigkeitslüge – auch der „Raum für alles“ muss erst einmal erarbeitet werden.

„1+1=1“

„Was ist das, dieses Eine, und wie finde ich meinen Weg zu ihm?“ Diese zentrale Frage beantwortet sich Pärt mit den beiden Linien der Tintinnabulation. Ihre Verbindung schafft es, auf das Eine, das Absolute zu verweisen: „Eins und eins ergibt eins – nicht zwei. Das ist das Geheimnis dieser Technik“, sagt er.

Tintinnabuli ist mehr als nur eine Technik, sie ist Pärts Philosophie der sich vereinenden Dualismen. Und so stehen die freier gewählte Melodie sowie die systematisch abgeleitete Tintinnabuli-Stimme auch für sie: für Freiheit und Disziplin, für Expression und Struktur, für Subjektivität und Objektivität, für Klang und Stille, für Fortschritt und Bewährtes. Darüber hinaus repräsentiert die Tintinnabuli-Stimme auch das Umfangende, Vollkommene: „Eine Linie ist, wer wir sind, und die andere ist, wer uns hält und für uns sorgt. Manchmal sage ich – es ist kein Witz, wird aber auch als solcher aufgefasst – dass die Melodielinie unsere Realität ist, unsere Sünden. Aber die andere Linie ist die Vergebung der Sünden.“ Und so stehen die beiden Stimmen auch für Mensch und Gott, Für Alina und ihre Mutter.

Pärt und die Menschen

Von allen zeitgenössischen Komponisten wird Arvo Pärt am häufigsten gespielt und vom breitesten Publikum geschätzt. Das mag nicht nur an der tonalen Zugänglichkeit seiner Musik liegen, sondern auch an ihrem spirituellen Anspruch. Pärts Musik klärt die Sicht, sie wirkt meditativ und zeigt das nackte Dasein, das uns mit allen und allem verbindet. Sie lässt das Publikum nicht nur hören, sondern empfinden, dass es da etwas gibt – ob man es Gott oder innere Ruhe nennt. Seine Musik trifft damit einen Nerv der Zeit, doch nicht nur unserer: So ist spirituelle Sehnsucht, die Suche nach dem Einen und dem Einenden doch eine Menschheitskonstante.

„Auf der ,Reise zum Inneren‘ lassen wir alle sozialen, kulturellen, politischen und religiösen Kontexte hinter uns“, erklärt Pärt, und so erhält seine Musik auch eine soziale Dimension, die etwa in Adam’s Lament von 2010 offensichtlich wird: Der Urvater der Menschen beweint das Schicksal der Menschheit. Er ist gleichzeitig der Ausgangspunkt der Entfernung voneinander sowie die Erinnerung an diesen gemeinsamen Ausgangspunkt. Mit Adam’s Lament, komponiert für das Internationale Musikfestival in Istanbul, setzt Pärt ein einendes Zeichen in der Stadt, die für die Verbindung von Ost und West, der christlichen Kirchen und des Islams steht.

Pärt wird jedoch noch expliziter und bezieht auch aktiv Stellung als ein Mensch, der „durch die sowjetische Hölle gegangen“ ist. 2006 schreibt er Für Lennart, ein Stück zur Beerdigung von Lennart Meri, der Estland in die Unabhängigkeit von der Sowjetunion führte. Nach dem Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja im Herbst 2006 erklärt er, dass alle Aufführungen seiner Werke der Saison in ihrem Gedenken stattfinden würden, und seine Vierte Symphonie widmet er 2008 dem damals bereits fünf Jahre inhaftierten Putin-Gegner Michail Chodorkowski.

Pärt, der Wesentliche

Oft wird Arvo Pärt als eine zurückgezogene Persönlichkeit beschrieben. Doch Pärt ist nicht anders als seine Musik: wesentlich. Ein ruhiger Mensch, der wenig, aber sehr herzlich spricht, der die Musik intensiv empfindet und präzise arbeitet. Die bei den gemeinsamen Proben mit dem BR-Chor entstandenen Videos geben auch Außenstehenden einen Einblick in seine Person (siehe Video unten): Anstatt einen gelungenen Abschnitt mit vielen Worten zu kommentieren, rutscht Pärt mit seinem Stuhl zu Howard Arman herüber, umarmt ihn und lächelt berührt …

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