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Krieg und Frieden | KONZERTVIDEO

Samstag, 15.10.2016
München, Prinzregententheater

1. Abonnementkonzert

Beginn: 20.00 Uhr | Konzerteinführung: 19.00 Uhr mit Howard Arman, Moderation: Judith Kaufmann

In diesem Konzert feierte Howard Arman seinen Einstand als neuer künstlerischer Leiter beim BR-Chor. Zusammen gestalteten sie das Programm „Krieg und Frieden“ mit Werken von Victoria, Arman, Tormis, Schönberg u.a.

Konzertvideo | 15.10.2016 | 01:05:44

 

Clément Janequin „La guerre“, Chanson für Vokalensemble
Tomás Luis de Victoria „Missa pro victoria“
Howard Arman „La bataille de Marignan“ für zwei Chöre und Schlagzeugquartett
Veljo Tormis „Curse Upon Iron“ („Fluch auf Eisen“) für Soli, Chor und Schamanentrommel
Gabriel Jackson „The Armed Man“
Arnold Schönberg „Friede auf Erden“, op. 13

Chor des Bayerischen Rundfunks
mit Solisten

Schlagzeugensemble aus dem
Münchner Rundfunkorchester

Howard Arman

Leitung


Der neue Künstlerische Leiter des BR-Chores Howard Arman präsentiert zum Auftakt seiner Amtszeit eine überaus aktuelle Thematik, die ihre Spuren schon seit Jahrhunderten in der Musik hinterlassen hat. Clément Janequins Chanson „La guerre“ auf die verlustreiche Schlacht von Marignano 1515 bildet die Grundlage für Tomás Luis de Victorias ungefähr 80 Jahre später entstandene Messe und ebenso für Howard Armans eigene Schöpfung: „In meinem Werk sind Janequins musikalische Motive und Ausschnitte seines Textes zum Ausgangspunkt einer anderen und gänzlich gegenwärtigen Sichtweise sowohl von diesem Ereignis als auch von allen anderen derartigen Katastrophen geworden.“

Feierte man früher klangmächtig den Sieg, so befasste sich Schönberg am Vorabend des Ersten Weltkriegs mit nachdenklicheren Versen: „Friede auf Erden“ beruht auf einem Weihnachtsgedicht von Conrad Ferdinand Meyer, das fast gleichzeitig mit „Die Waffen nieder!“ von Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner entstanden war – in der letzten Epoche, in der Krieg noch als akzeptables politisches Handeln angesehen wurde.

Abgerundet wird das Programm durch „The Armed Man“ von Gabriel Jackson sowie das bekannteste Werk des estnischen Komponisten Veljo Tormis, in dem er mahnende Verse aus dem finnischen Nationalepos Kalevala über die tödliche Macht des Eisens besingen lässt.

Howard Arman über die Werke des Abends

Clément Janequin beispielsweise hat eine sehr populäre Chanson über die Schlacht von Marignano geschrieben. Dieses Stück wirkt auf uns mit seinen illustrativen Kriegsgeräuschen, Schüssen und Schreien fast schon lustig und verherrlicht einen Sieg, der zu den großen Tragödien der Militärgeschichte mit wohl über 10.000 Toten zählt. Seit langem beschäftigt mich dieser Chansontext, den ich als Basis für meine eigene Komposition verwendet habe. Außerdem beziehe ich mich auf Janequin mit vielen Floskeln aus der Alten Musik, also Äußerlichkeiten und Zitaten. Aber ich setze den Text, den ich übrigens durchbrochen, fragmentiert und umgestellt vertont habe, in einen völlig anderen Zusammenhang. Mehrere Bilder gehen mir dabei durch den Kopf: Der Frauenchor etwa, der bei Janequin keine Rolle spielt, bleibt auch bei mir symbolhaft unsichtbar hinter der Bühne. Er steht für die Stimme der Vernunft, während die Männerstimmen sozusagen einen manipulierbaren Apparat darstellen, etwa wie eine Fußballmannschaft, die sich mit Enthusiasmus auf eine »Schlacht« vorbereitet, in der dann einer nach dem anderen »abgeschossen« wird.

Ihre Vertonung des Marignano-Textes ist von 2006, was war der Anlass für die Komposition?

Ich habe es für den Musiksommer des MDR Chores geschrieben, dessen Chefdirigent ich war. Seitdem ist es zwei-, dreimal aufgeführt worden, aber für den aktuellen Anlass habe ich es noch- mal ein wenig bearbeitet. Bei meinem Werk spielt eine gewisse Stimm-Theatralik eine große Rolle, der plastische, dramatische Umgang mit Musik. Und es kommt ein Schlagzeugquartett dazu.

… Sie beginnen im Prinzip genauso wie in der Janequin-Chanson, die Stimmen setzen imitierend nacheinander ein …

… aber dann entwickelt es sich ganz anders. Das erste, was die Schlagzeuger spielen, sind Rhythmen, die für mich etwas Furchterregendes verkörpern: Im 16. Jahrhundert hatten die Trommeln bei einer Schlacht die Funktion, Informationen weiterzugeben, oft etwa: Haltet die Reihen geschlossen, auch im Angesicht des Todes. In dem zeitgenössischen Traktat „Orchésographie“ von Thoinot Arbeau sind diese Rhythmen notiert – sozusagen als Beispiel, wie mächtig diese auf Menschen wirken und sogar in solchen Situationen den ganz normalen Fluchtimpuls verdrängen. Es hat mich sehr beschäftigt, dass Rhythmus diese fast hypnotische Kraft in sich trägt – und auf diese Weise für viele der Schlachtteilnehmer das Letzte war, was sie gehört haben. Diese Rhythmen finden Sie alle in meinem Stück, in allen 80 damals niedergelegten Varianten. Und ihre Wirkung spiegelt sich hörbar im Verhalten der Männerstimmen wieder.

Erleben wir Mehrchörigkeit im traditionellen Sinn?

Im ersten Teil sind das Schlagzeugensemble und der Männerchor auf dem Podium, der Frauenchor dahinter. Im zweiten Abschnitt teilt sich der Männerchor. Die einen bleiben auf dem Podium und scheinen sich für eine Schlacht zu rüsten. Die anderen – 12 einzelne Sänger – gehen in den Saal. Janequins Kriegsrufe wie „Zu Pferd!“, „Steigt auf!“, „Hinter die Fahne!“ verwende ich für eine quasi szenische Realisierung, indem sie nun von überall her aus dem Saal schallen. Das Publikum sitzt plötzlich mitten im Schlachtgetümmel! Am Ende des zweiten Teils wird ein Klangelement aufgegriffen, das schon zu Beginn zu hören war: Wie aus dem Sitzungszimmer eines industriellen Großkonzerns singen drei tiefe Bässe kurze Texte aus der Janequin-Chanson – drei Feldherren, die einen Krieg planen, daran aber nicht teilnehmen und dennoch davon profitieren. Als ich dieses Stück schrieb, sprach George Bush im Golfkrieg davon, dass Gott auf seiner Seite stehe und man deshalb gewinnen werde. Das hat mich doch sehr beschäftigt, zumal zu dieser Zeit durch- sickerte, dass vor allem wirtschaftliche Interessen den Westen zum Kriegseintritt bewogen haben. Dieser bodenlose Zynismus ist in meinem Stück deutlich zu hören, besonders wenn die zur erneuten Schlacht rufenden Worte ganz zum Schluss erklingen, während der Frauenchor längst über das blutige Schicksal lamentiert.

Aber Sie sind nicht der erste, der auf „La guerre“ von Clément Janequin Bezug nimmt …

… nein, schon zu Janequins Zeiten war die Chanson sehr beliebt. Jeder kannte sie und mehr noch: Komponisten bauten sie in ihre Werke ein. Da das musikalische Material sozusagen als neutral gesehen wurde, wurde es als Basis sowohl für weltliche als auch für geistliche Musik verwendet, beispielsweise in mehreren großen Messen wie der von Tomás Luis de Victoria. Heute sehen wir das anders …

… Schlachtenmusik oder Musik für einen Friedensschluss, das hatte lange Tradition, gibt es aber heute nicht mehr. In diesem Zusammenhang fallen einem höchstens das ganz anders geartete „Ein Überlebender aus Warschau“ von Schönberg oder „Halat Hisar“ des israelisch-schwedischen Friedensaktivisten und Komponisten Dror Feiler mit ohrenbetäubenden Maschinengewehr-Imitationen ein …

… ja, und es gibt andere Komponisten, die Frieden predigen und dennoch tendenziös komponieren. Ich habe einmal in Arabien ein Werk eines Palästinensers dirigiert, angeblich handelt es sich um einen Ruf nach Frieden. Die Reaktion des Publikums im Saal ließ kein Zweifel daran, dass die eigentliche Wirkung viel mehr einem Aufruf zum Aufstand nahekam. Es ist also manchmal schwer zu unter- scheiden zwischen Propaganda für den Frieden und Propaganda für eine Interessenlage. Die Victoria-Messe ist für mich stellvertretend dafür im Programm: Wer ohne zu denken sagt, mit Gottes Hilfe siegen wir, begibt sich in zweifelhafte Gesellschaft.

Dem Marignano-Themenkreis haben Sie noch ganz andere Werke zur Seite gestellt …

… ja, Tormis’ „Curse Upon Iron“ und Schönbergs „Friede auf Erden“ – zwei Stücke, in denen Eisen eine Rolle spielt: Bei Schönberg ist an einer wichtigen Stelle vom Schmieden von Waffen der Gerechtigkeit die Rede, während Tormis von Eisen als ein Material spricht, welches das Böse in sich trägt.

Die Fragen stellte Alexander Heinzel.