StartseiteHome Chor & Leitung Howard Arman – Interview

Schlüssel zum Rolls-Royce

Der neue Künstlerische Leiter des BR-Chores Howard Arman im Gespräch über Vielseitigkeit, Saisonplanung und Brexit. Die Fragen stellte Alexander Heinzel

 

 

Herzlich willkommen, Herr Arman, zum ersten offiziellen Abonnementkonzert beim BR-Chor. Kennengelernt haben wir Sie ja bereits in ganz unterschiedlichen Konzertformaten. Sie dirigieren, moderieren, arrangieren und komponieren – nun schreitet auch in der Musikwelt die Spezialisierung voran, aber bei einem Rundfunkchor müssen alle Beteiligten in möglichst allen Musikrichtungen und Gattungen stilsicher sein. Wie gehen Sie damit um?

Gleich ob ich arrangiere, komponiere, ob ich alte oder zeitgenössische Musik aufführe – es gibt Aspekte, die immer gleich bleiben: die Arbeit am Ensembleklang, der Anspruch, Musik gültig, verständlich, stilsicher und auch packend zu gestalten, und die Frage, wie ich mich als Interpret meinem Publikum öffne.

Die Abokonzerte Ihrer ersten Saison in München haben Sie in eine übergreifende Dramaturgie eingeordnet, was war Ihre Idee?

Auch wenn auf dem Plakat fürs erste Abonnementkonzert „Krieg und Frieden“ steht, beschäftigen wir uns doch mit Letzterem, dem Frieden. Gerade weil wir in einer Zeit leben, in der alle zu wissen scheinen: Krieg, Töten, Aggression, Terrorismus sind schlecht, gilt es, uns mit unseren eigenen Gefühlen ständig zu konfrontieren und sie in Frage zu stellen. Wo sind meine Toleranzgrenzen, welche Vorurteile habe ich? In dem abstrakten Blick auf die Welt, wie sie uns die Kunst ermöglicht, können wir vielleicht besser erkennen, was böse ist und was gut, und wie beides auch in uns selbst ist. Das passiert wohl eher im Konzertsaal als vor einer Nachrichtensendung, wo ja sehr distanziert über ein Geschehen und über Dritte berichtet wird. Darauf ziele ich hin, sich durch die Beschäftigung mit Musik selbst zu erkennen, zu öffnen und nicht bei Bekanntem zu verharren, sondern sich dem Fremden, das meist gar nicht so fremd ist, zu nähern. Auch wenn die Bandbreite der Programme weit gesteckt erscheint, ist doch nichts wirklich fremd.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte werden Sie in den kommenden Jahren setzen?

Ich möchte, dass jedes Konzertprogramm für sich logisch aufgebaut ist, der „rote Faden“ innerhalb einer Saison steht da eher an zweiter Stelle. Natürlich sollte Ausgewogenheit erzielt werden, in Inhalt, Stil und Musizierweise. Sehr wichtig ist mir, selten gesungene Werke aufs Programm zu setzen, die mehr Aufmerksamkeit verdienen. Vor allem Werke, die zur Zeit ihrer Entstehung große Resonanz erzielt haben, dann aber vergessen wurden. Also: Liebgewonnenes und Neues nebeneinander.

Große, abendfüllende A-cappella-Werke aus jüngerer Zeit wie etwa Rachmaninows „Großes Abend- und Morgenlob“ oder Schnittkes „Konzert für Chor“ sind eher rar – welche Repertoireerweiterungen können Sie sich hier noch vorstellen?

Da denke ich sofort an „Vigilia“ von Einojuhaani Rautavaara, für den ich mich sehr interessiere. Diese „Vigilia“ ist einzigartig, sie gehört in die Reihe der großen orthodoxen und sehr humanistisch gedachten Chorwerke.

England rückt ein wenig ab vom Kontinent, Stichwort Brexit, und Sie rücken uns in München ein wenig näher. Was bringen Sie uns mit, an englischem Spirit? Und wenn Sie an die Art denken, wie hierzulande musiziert wird, was macht Ihnen dabei besondere Freude?

Mich interessiert in erster Linie die Qualität der Musik, auch wenn das politische oder soziale Umfeld von ihr oft nicht zu trennen ist. Ich möchte die große englische Chormusik präsentieren, weil ich sie einfach für gut halte, und das ohne unangemessene patriotische Untertöne. Aber zur Frage: Ich habe mein ganzes Leben als Europäer gelebt. Das für mich beschämende Brexit-Referendum fand zur Zeit der cOHRwürmer-Mitsingkonzerte statt. Einer der Musiker sagte mir damals, viele Länder haben ähnliche Probleme, aber wer die Trennung sucht und nicht den Dialog, der gehe in die falsche Richtung. Der einfache und treffende Gedanke hat mich sehr bewegt. Die Kunst ist da schon immer weit voraus in ihrer Grenzenlosigkeit …

… gerade, wenn man auf das Programm des Konzerts „Inspiring Mendelssohn“ blickt …

… ja, ein gutes Beispiel! In diesem Programm wird die enge Beziehung zwischen der Musikwelt Englands und Deutschlands im 19. Jahrhundert offensichtlich, etwa am Beispiel von Mendelssohn und seinen geschätzten Zeitgenossen Sterndale Bennett und Wesley. Die Beziehung wurde aber später noch enger mit dem Einfluss von Brahms auf Komponisten wie Parry und Stanford. Bis in das 20. Jahrhundert druckte man viele englische Vokalwerke wie selbstverständlich mit deutscher Übersetzung – selbst Opern von Britten. Ein lebendiger, Offenheit voraussetzender Austausch!

An der Bayerischen Staatsoper ist die Händel-Pflege etwas abgeebbt. Der BR-Chor hat letztens den „Messiah“ aufgeführt und Sie haben jetzt das „Occasional Oratorio“ aufs Programm gesetzt, darf sich München wieder auf mehr Händel freuen?

Den Messiah bringen wir im nächsten Sommer in einem wichtigen Konzert bei den Händel-Festspielen in Halle. Ich bin glücklich, dass wir bei diesem renommierten Festival mit dem BR- Chor auftreten können. Aber natürlich soll dem „Occasional Oratorio“ weiteres folgen. Zum Saisonthema passt dieses Oratorium recht gut, Händel komponierte es in einer politisch sehr angespannten Zeit, in der sich das protestantische Königshaus und die vom Kontinent unterstützten katholischen Jakobiten gegenüberstanden, auch ein religiöser Konflikt. Händel fühlte natürlich Loyalität zum König und schrieb das „Occasional Oratorio“ sozusagen zur moralischen Unterstützung für sein durch drohenden Krieg verunsichertes Londoner Publikum. Das Werk beinhaltet so viele Aussagen: Es besteht aus Musik der „Coronation Anthems“, also eine Hommage ans Königshaus, es beinhaltet Teile von „Israel in Egypt“, was eine Parallele zum „auserwählten Volk“ zieht und sagen will: „Wir sind gemeint.“ Und man feiert sich selbst, eine große Nation mit großer Kunst.

 

Howard Arman im März 2015 anlässlich der Vertragsunterzeichnung im Chorprobensaal. Mit im Bild (v.l.n.r.): Chormanagerin Susanne Vongries, die (damaligen) Chorvorstände Bernhard Schneider, Andreas Mogl und Barbara Müller sowie der Hörfunkdirektor Martin Wagner.

Die Arbeit bei einem Rundfunkchor ist Ihnen vertraut, Sie waren viele Jahre beim MDR Chor und haben zuletzt am Luzerner Theater als Musikdirektor gewirkt. Welche Erfahrungen bringen Sie von Luzern mit nach München?

 Die Arbeit in der Oper beziehungsweise im Musiktheater hat immer eine wichtige Rolle für mich gespielt, und dadurch bin ich als Komponist und Konzertdirigent im Laufe der Jahre wohl sehr theatralisch geworden. Deshalb versuche ich, auch in Chorwerken eine hohe musikalische Darstellungskraft zu erzeugen, damit das Hörbare auch zum Sichtbaren wird – zumindest für das innere Auge.

Wie bringt man einem viel gelobten Chor bei, noch besser zu singen? Welche neuen technischen Schwerpunkte wären hier noch zu setzen?

Täglich erwarten einen Rundfunkchor neue Anforderungen, denn jedes Stück verlangt unterschiedliche Technik, Stilistik und ein anderes Verständnis. Zur Vielseitigkeit und Flexibilität bei der gemeinsamen Arbeit kommt eine gesunde Ausgewogenheit zwischen der Disziplin des gemeinsamen Gestaltens und der Intuition des gemeinsamen Empfindens. Man hat mir den Schlüssel zu einem Rolls-Royce in die Hand gegeben. Ich möchte nun mit dem Wagen in die schönsten und faszinierendsten Landschaften fahren.

Sie haben erst jüngst ein Mitsingkonzert mit Laien und dem BR-Chor dirigiert und moderiert, wie wichtig ist das für einen Profichor?

 Für den Chor selbst ist das begrenzt wichtig, sehr wohl aber für seine Funktion als Musikvermittler, und ebenso für das Verhältnis des Chores zu seinem Publikum! Eine großartige Dienstleistung des Bayerischen Rundfunks! Wir machen das hier aber anders als etwa in England, wo große Werke als Ganzes gesungen werden, etwa „Messiah“ oder „Carmina burana“. Wir hingegen bieten inhaltlich zusammenpassende kürzere Werke oder Werkauszüge, das macht die Sache lebendig und abwechslungsreich, das ist eher ungewöhnlich in der Mitsingkonzertszene. Das gemeinsame Singen und seinem Publikum die Hand reichen, was für schöne Gesten – ich bin begeistert davon, ich glaube daran!

 

Howard Arman bei den cOHRwürmern 2016 (Foto: Astrid Ackermann)

Howard Arman dirigiert das Mitsingkonzert cOHRwürmer 2016 im Münchner Circus-Krone-Bau

 

Kurz in die Vergangenheit zurückgeblickt: Wie entstand der Kontakt zum BR-Chor?

Das ist so lange her, ich bin mit vielleicht 28 oder 29 Jahren erstmals in München gewesen und habe ein Konzert mit dem BR-Chor gehört. Damals war ich mit Gordon Kember befreundet [dem damaligen Leiter des BR-Chores, Anm. d Red.]. Seitdem habe ich den Chor bewundert.

Herr Arman, vielen Dank für dieses Gespräch und alles Gute für Ihre Zeit in München beim Chor des Bayerischen Rundfunks!